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Re: Internet versus Buecher



Liebe Leserinnen und Leser von Internet in Bibliotheken,
dass Herr Marloth uns, den Bibliothekaren, jetzt ein Werk ankuendigt, in dem
er uns die Leviten lesen wird, ueberrascht insofern, als all die
Kritikpunkte, die er auflistet, ja schon laengst verhandelt wurden und in
den einschlaegigen Fachzeitschriften, eben auch den bibliothekarischen,
nachzulesen sind.
Was an Herrn Marloths Wortmeldungen aber noch mehr ueberrascht, ist die
konstante Gegenfuehrung von Informationswesen VERSUS Bibliotheken. Dabei
wird mit einer Rhetorik gearbeitet, die nun schon seit ueber 30 Jahren
benutzt wird und die sehr einfach so funktioniert: auf der einen Seite die
altmodischen, zu teuren, zu personalintensiven, benutzerunfreundlichen
Bibliotheken; auf der anderen Seite das moderne, billige, mit wenigen
Spezialisten zu fuehrende und benutzerfreundliche Informationswesen. Der
*Wert der Bibliotheken* verschwindet angesichts einer solchen Rhetorik
natuerlich zu einem nostalgischen Nichts, und uebrig bleibt ein
Informationswesen, das uns den richtigen Weg in die Zukunft weisen wird. Wer
nun noch wagt, sich zugunsten der Bibliotheken zu aeussern, der entlarvt
sich selbst entweder als Nostalgiker (ueber den man laechelt) oder als
Konservativer, der die Freiheit der Datennetze bedroht (dann muss man ihn
bekaempfen), oder als rundherum ahnungslos (dann muss man ihn aufklaeren, um
ihn aus seinem selbstverschuldeten Netzdunkel zu befreien).
Dass es tatsaechlich sehr ernst zu nehmende sowohl historische als auch
theoretische Auseinandersetzungen zu den medientechnischen Fragen gibt, in
denen die Neuen Medien mitnichten so gut abschneiden, wie das mancher gerne
haette, muss man dann freilich ignorieren, denn es stoert die reine Zukunft.
Tatsaechlich zeigt sich die von Herrn Marloth angekuendigte
*Entmythologisierung der Bibliotheken* in jedem seiner Saetze nur als
*Mythologisierung des Internet*, und das kann auch kaum anders sein, solange
man die einfache Entgegensetzungsrhetorik (X Versus Y) nicht aufgibt. Man
muesste dann zumindest das Suendenregister der Internetler in einer
Gegenrechnung aufmachen: teure Einstandskosten (PC + Peripherie),
Abhaengigkeit von rasanten Innovationszyklen, die das gerade Erreichte im
4-Jahres-Rhythmus veralten lassen mit allen Folgekosten, die bislang niemand
kalkuliert hat (warum wohl? weil es naemlich elend teuer ist),
Kommerzialisierung des Datensektors (die der angeblichen Freiheit
entgegenlaeuft) usw. usf.
Geht man aber auf die wichtigen medientechnischen Unterschiede ein, dann
zeigt sich rasch, dass die Bibliotheken NICHT mit Informationstechnik
identisch sind, was nicht heisst, dass sie nicht die Informationstechnik
integrieren koennten (aber das haben sie ja schon getan und werden es
sicherlich weiter tun). Es heisst allerdings, dass die Rede von einem
*Paradigmenwechsel* weg von den Bibliotheken hin zur Informationstechnik
daneben ist, und zwar sehr. Daher sollte man auch den Versprechungen, der
Beruf oder auch nur die Ausbildung sei durch ebendiesen Paradigmenwechsel zu
*professionalisieren*, nicht trauen.
Aber das ist wie gesagt alles schon jenseits DIESES Mediums in den
rennomierten GEDRUCKTEN Fachzeitschriften diskutiert worden. Ich wuerde
daher eine Lesepause vorschlagen, bevor zum x-ten mal Argumente aus den 70er
Jahren in Zirkulation gesetzt werden. In dieser Pause koennte man z.B.
lesen: Bibliotheksutopien. In: Verband der Bibliotheken des Landes
Nordrhein-Westfalen: Mitteilungsblatt 44 (1994), S. 279-292. Es gibt auch
eine wunderschoene Fachzeitschrift mit dem wunderschoenen Namen *Bibliothek.
Forschung und Praxis*, in der mehrfach Artikel zum Informationsbegriff
erschienen sind. Und es gibt die sehr bedenkenswerten Buecher von R. Capurro
zum Informationsbegriff. Und fuer die Gebildeten unter den allerlei
Veraechtern sei auf eine Fast-Neuerscheinung hingewiesen: *The Future of the
Book. Ed. by Geoffrey Nunberg. Berkeley: University of California Press, 1996.*
Allen Lesern einen schoenen 1. Mai,
U. Jochum

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 Dr. Uwe Jochum
 Fachreferent
 Universität Konstanz
 Bibliothek
 78457 Konstanz
 Tel.     07531 / 882835
 Fax      07531 / 883082
 email  uwe.jochum _at__ uni-konstanz.de
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