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Re: Nochmals zur R-Reform



Abgesehen davon, dass man alle genannten Fragen auch anders beantworten kann, teilweise sogar müsste,
(denn die Behauptung, dass eine Rückkehr zur alten Schreibweise "sofort und auf Dauer, die geringste Verwirrung" hervorruft,
kann nur eine Behauptung sein und wird hoffentlich nicht von der Geschichtsschreibung der Zukunft widerlegt ;-)
scheint mir die Frage nach dem "OFF-Topic" weitaus wichtiger.
Ich habe Zweifel, dass "Überall da, wo mit Geschriebenem umgegangen und Textdaten verarbeitet werden"
auch Themen von INETBIB angesprochen sind.
1. könnten es auch Bild- oder Tondaten sein,
2. sollte man sich auf publizierte Dokumente beschränken
(wenn man nicht Archive, Schulaufsätze, Privatverträge, ... hier zum Topic erklären will),
und damit auf bibliotheksrelevante Fragen.
Wobei ich durchaus der Meinung bin, dass die Rechtschreibreform für das Bibliothekswesen nicht völlig unwichtig ist.
Ich betrachte INETBIB als ein Forum, dass sich sozusagen mit dem beschäftigt,
was man heute am besten mit der Digitalen Bibliothek umschreibt.
Das es sich nicht nur auf Internet-Fragen in Bibliotheken konzentriert hat, war von Anfang an offensichtlich.


MfG

W. Umstätter


Bernhard Eversberg wrote:


Die Aktion "Bibliothekare zur R-Reform" ist ja inzwischen abgeschlossen.
Bei der FAZ wurde der Brief verwertet, bei der Nds. Staatskanzlei ist er angekommen und harrt seiner Verwertung.


Allen denen, die ausdruecklich oder stillschweigend zugestimmt haben, hier noch eine vielleicht noch unvollständige, kommentierte Liste der Argumente, mit denen noch immer hier und da für die Reform plädiert wird.

Damit soll's denn für's erste gut sein, denn jeder hat offenbar seine Meinung und wird sich nun nicht mehr bewegen.

MfG
B.E.

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Argumente, zusammengestellt nach Lektüre vieler einschlägiger Publikationen.

"Man muß doch endlich zu einer Versachlichung kommen!" Genau das wurde immer wieder den Reformern abverlangt und nicht eingelöst. Die
Kritiker legten Fakten vor, die Kommission nahm sie nicht zur Kenntnis oder nahm
dazu nicht Stellung, ging auf Fragen nicht ein oder behauptete ohne Beweise das
Gegenteil. Wo war da Sachlichkeit? Empirische Erkenntnisse, die den Erfolg der Reform stützen und die Verbindlichkeit rechtfertigen könnten, fehlen.


"Warum kommen erst jetzt auf einmal die Kritiker aus dem Sommerloch?"
Das falscheste und unpassendste aller Argumente. Wer es äußert, kann die Sache nicht verfolgt haben.
Kritik wurde von Anfang an geübt, auch konstruktive, und nicht nur Kritik: Die Sache ging bis vor das Bundesverfassungsgericht! Dieses hielt das Verfahren für rechtens, war aber (zusammen mit den Kultusministern! Urteil vom 14.7.98) der Meinung, die endgültige Einführung solle nur bei angemessener Akzeptanz erfolgen. Haben wir die? Genau dazu sagen jetzt die Befürworter rein gar nichts.


"Aber wir haben viel wichtigere Probleme!" Sicher, also warum dann nicht eines aus der Welt schaffen, das gar nicht hätte
sein müssen, und einen Schaden begrenzen, der absehbar immer weiter wachsen wird?
"Das ist jetzt nicht mehr möglich!" ist ein Killerargument, es stimmt einfach nicht. (S. den Beitrag von H.H. Munske am 17.7. im Feulleton der FAZ. Auch Verleger Klett ist der Meinung, ein Rückbau sei möglich.)


"Dass oder daß - wen schert's?" Das ist ein oberflächliches und sachfremdes Augen-zu-und-durch-Argument, das sich nicht auf das Grundproblem einlassen will: die Reform ist miserabel gemacht und wurde in unakzeptabler Weise durchgepaukt, deshalb haben wir die geringe Akzeptanz und in der Folge die galoppierende Gleichgültigkeit und Beliebigkeit. Dies haben auch die Reformer natürlich nicht gewollt, warum schweigen sie dazu?
Nirgends als bei diesem Thema würde ein solches Vorgehen durchkommen, warum also hier? Eine Mehrheit, wie man jetzt weiß, akzeptiert es ja eben nicht.


"Das Problem der Suche läßt sich doch technisch lösen, Google hat ja auch schon
eine Rechtschreibkontrolle!" Google hat keine Rechtschreibkontrolle, sondern etwas ganz anderes: Geprüft wird, ob das gesuchte Wort selten oder gar nicht vorkommt, dann wird eine Alternative vorgeschlagen. Tippt man "Brennnessel" ein, wird auf "Brennessel" hingewiesen, denn ersteres kommt sehr viel seltener vor. Umgekehrt wäre es wichtiger, aber da gibt's keinen Hinweis, z.B. von "bibliographie" zu "bibliografie". Die Sache greift auch nur bei wirklich hochfrequenten Wörtern, z.B. schon nicht bei "nationalbibliografie".


"Das Gute an der Reform ist aber, daß es jetzt mehr Freiheit gibt."
1. Das gehört eher zu den größten Nachteilen: man muß MEHR wissen als vorher,
um die Freiheit zu nutzen. Das Ergebnis sind sonst ganz neue Fehler, indem
Freiheiten herausgenommen werden, wo keine vorgesehen sind. 2. Zu den ursprünglichen Zielen der Reform gehört dies nicht, es scheint sich
vielmehr um eine nachträglich erfundene Ausrede zu handeln, die der Reform eine
positive Aura verleihen soll - denn wer hätte was gegen Freiheit? 3. Zeitungen und andere müssen interne Festlegungen treffen, weil sie sich kein
inkonsistentes Erscheinungsbild leisten können. Es werden also weitere
"Hausregeln" entstehen, einige gibt es ja schon. Ist das ein Vorteil?
4. Kulturgeschichtlich ist es eine Innovation! Warum hat noch
keine andere Schriftsprache solche Freiheiten? Das Englische hat sie nicht: die
britische und die amerikanische Variante sind in sich jeweils konsistent und
gegenseitig nicht tolerant - es sind im Grunde zwei Schriftsprachen.


"Wer soll denn noch eine neue Variante ausarbeiten, und wie lange soll
das dauern?"
Die billigste, schnellste und effektivste Lösung ist die völlige Aufgabe der
Reform. Es brauchen dann keine neuen Wörterbücher gedruckt zu werden, denn die
vorhandenen haben ALLE die bewährte Schreibung als gemeinsamen Nenner, denn die
steht ja noch mit drin, sie sind also dann alle weiter benutzbar. Jede neue Variante macht sie wieder ALLE ungültig. Viele noch nicht veraltete Schulbücher können wieder aktiviert werden. Aber besonders der langfristige Schaden wird auf diese Weise am besten begrenzt. Anschließend muß beobachtet werden, ob sich bestimmte Änderungen von selber etablieren, diese sind dann im Konsens zu sanktionieren, wie es früher der "Duden" gemacht hat und wie es viele Jahrzehnte akzeptiert wurde.


"Man kann eine nochmalige Änderung den Kindern nicht zumuten!"
Zuerst fand man aber nichts dabei, der gesamten Schriftgemeinschaft an aller
Demokratie vorbei eine Reform zu diktieren. Ist es redlich, jetzt die Kinder als
Geiseln zu nehmen, um die gescheiterte, von breiter Mehrheit abgelehnte Reform doch noch zu retten? Kinder lernen schneller als alle anderen. Die Kultusminister sollten sich aber bei ihnen entschuldigen und ihnen was spendieren.


"Aber verbindlich ist die Reform doch nur für Schulen und Behörden!"
Ist es aber fair gegenüber den Schülern, ihnen eine Schreibung beizubringen, die
im realen Leben weithin gar nicht verwendet wird? Eine Zweiklassen-Orthographie
kann niemand wollen und sie kann nicht funktionieren. Haben die Reformer am Anfang
nicht vorgehabt, möglichst bald eine neue Einheitlichkeit zu erreichen? Das ist
nicht gelungen, und die geringe Akzeptanz läßt nicht auf einen späteren Erfolg
hoffen, sie läßt nur weitere Verwilderung befürchten. Denn jetzt hat's jeder schriftlich, daß er sich nicht drum kümmern muß, wenn er kein Schüler und kein Behördenbediensteter ist.


"Die Schüler lernen doch damit problemlos!"
Gibt es objektive Studien, die das belegen? In den niedrigen Klassen ist zudem nur ein geringer Teil des Wortschatzes betroffen. Als tragendes Argument für die Reform wäre dies ohnehin, auch wenn es stimmte, vollkommen unzureichend!


"Rückkehr zur alten Orthographie würde die Verwirrung nur vergrößern"
Das glatte Gegenteil ist der Fall. Die große Mehrheit würde sich wieder besser auskennen und sicherer fühlen, 90% der Bücher (oder mehr) wären auf einmal wieder gültig - jetzt sind sie ungültig und stiften Verwirrung. Das völlige Einstellen der Reform verursacht insgesamt, sofort und auf Dauer, die geringste Verwirrung.


"Dieses Thema ist hier OFF-Topic"
Überall da, wo mit Geschriebenem umgegangen und Textdaten verarbeitet werden, ist es und bleibt es relevant.




Bernhard Eversberg
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