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Re: [InetBib] Berufsbild: "Bibliotheksmanager"?!



Zunächst könnte man das ja so verstehen, dass jemand mit der Qualifikaktion
dessen,
was bislang beim höheren Dienst gefordert wurde (Beamtenlaufbahn muss ja
nicht sein)
gesucht wird. Das wäre nicht besonders neu.
Die Frage ist ja eher, ob eine solche Qualifikation auch adäquat entlohnt
wird.

Die nächste Frage ist, ob es sinnvoll wäre, die bibliothekarische Ausbildung
bzw. die der Informationsspezialisten
so stark wirtschaftslastig zu machen, dass andere Themen darunter leiden.
Denn dann kommt ebenso berechtigt der Ruf nach Informatik, nach Jura,
Pädagogik (Pisa), Sprachkenntnissen, etc.
Seit ich in diesem Fach bin, wird z.B. diskutiert, ob bzw. wie weit alle
Bibliothekare auch Programmierkenntnisse erwerben müssten.
Im Prinzip bedeutet das aber nichts anderes, als dass es weiterhin sinnvoll
ist
Bibliothekswesen, Content Management, Information Management oder Knowledge
Management
immer in Verbindung mit einer Schwerpunktbildung (Erst-/Zweitfach) zu
studieren.
Das sollten die Fachhochschulen auf längere Sicht wohl auch berücksichtigen.

Es ist hochgradig wahrscheinlich, dass sie hier in Deutschland eines Tages
den internationalen Universitäten
(auch mit Promotionsrecht) folgen werden.
Auf den oft beschworene Praxisbezug kann auch eine Universität nicht
verzichten.
Ansonsten ist eine Theorie, die dem Praxisbezug nicht standhält, keine
Theorie sondern eine Hypothese.

Interessanterweise beobachten wir diese Entwicklung der Spezialisierung ja
auch in der Informatik,
als Bioinformatik, Chemieinformatik, Computerlinguistik, Geoinformatik,
Mechatronik, Medieninformatik,
Medizinische Informatik, Ökoinformatik, Rechtsinformatik, Technische
Informatik, Immunoinformatik, Wirtschaftsinformatik, etc.

Vermutlich muss man als Contentmanager oder Wissensorganisator vom Content
noch mehr wissen als ein Informatiker,
der "nur" die Software zur Informations- bzw. Wissensverarbeitung (Datenbank
/Wissensbank) bereit stellt.

MfG

W. Umstätter

P.S. Viele Politiker glauben heute, dass das Fachhochschulstudium eine
besonders preiswerte Form des studierens sei,
weil sie nur die Kosten und die Absolventen zählen.
Im Vergleich mit den modernen Möglichkeiten des Selbststudiums, des life
long learning, des blended learning, des tele teaching, etc.
ist das sicher auf Dauer falsch. Was in den FHs wirklich geschieht, ist der
Verschleiß von Lehrkapazitäten,
auf Kosten eigener Forschung hochqualifizierten Lehrpersonals. Das wird zwar
zunehmend durch die Projekte der Studierenden
kompensiert, ist aber trotzdem ein Weg in die falsche Richtung.
Wir brauchen keine zunehmende Verschulung des Studiums, sondern verstärkte
Selbstorganisation und Förderung der Begabungen
in der Selbstverwirklichung der Studierenden. Das lässt sich bei zahlreichen
Biographien großer Wissenschaftler immer wieder erkennen.


----- Original Message -----
From: "Eric Steinhauer" <eric.steinhauer@xxxxxxxxx>
To: "Internet in Bibliotheken" <inetbib@xxxxxxxxxxxxxxxxxx>
Sent: Thursday, March 30, 2006 9:03 AM
Subject: [InetBib] Berufsbild: "Bibliotheksmanager"?!


Liebe Liste,

die bibliothekarische Ausbildung ist auf allen Ebenen seit mehreren Jahren
eine große Reformbaustelle. Allen Veränderungen gemeinsam ist eine stärkere
Betonung von betriebswirtschaftlichen Inhalten. Besonders die
Fachhochschulen wollen hier Schwerpunkte setzen.

Vor diesem Hintergrund war die Lektüre des Gesetzblatt der Freien
Hansestadt Bremen sehr erhellend.

Die Bremer Stadtbibliothek wurde zum 1. Januar 1999 in einen Eigenbetrieb
umgewandelt. Grundlage hierfür ist das Ortsgesetz über den Eigenbetrieb der
Stadtbibliothek Bremen, Eigenbetrieb der Stadtgemeinde Bremen (BremStBOG)
vom 22. Dezember 1998 (GBl. Bremen 1998, Nr. 65, S. 393-399). Die
Organisation dieser Bibliothek ist seither stark von
betriebswirtschaftlichen Vorgaben geprägt. Sie wäre also ein idealer
Wirkungsort für im eingangs genannten Sinn modern ausgebildete
Bibliothekare. Die Leitung der Einrichtung heißt in der Sprache des
Ortsgesetzes übrigens "Betriebsleitung", vgl. § 4 Abs. 1. Nach Satz 2 gibt
es für die Direktorin bzw. den Direktor einen Stellvertreter.

Dieser § 4 Abs. 1 Satz 2 wurde durch das Ortsgesetz zur Änderung des
Ortsgesetzes über den Eigenbetrieb der Stadtbibliothek Bremen, Eigenbetrieb
der Stadtgemeinde Bremen vom 28. Februar 2006 geändert (GBl. Bremen 2006,
Nr. 14, S. 101 f.). § 4 Abs. 1 Satz 2 heißt jetzt: "Zur Vertretung der
Direktorin ... werden zwei stellvertretende Direktorinnen ... bestellt. Eine
der beiden Stellvertretungen muss über eine abgeschlossene kaufmännische
Berufsausbildung, ein abgeschlossenes Hochschulstudium mit kaufmännischem
Schwerpunkt oder über eine vergleichbare Qualifikation verfügen."

Damit wird es für einen konventionell ausgebildeten Bibliothekar recht
schwer, diese Position einzunehmen.  Bemerkenswert ist auch, daß eine
bibliothekarische Ausbildung für die Betriebsleitung überhaupt nicht
verlangt wird. Aber vielleicht ist das auch zu selbstverständlich. Grund zum
Nachdenken gibt die Änderung im Bremer Ortsgesetz allemal. Nach den
Informatikern kommen jetzt die Kaufleute. Grund genug also, Sinn und
Ausrichtung der bibliothekarischen Ausbildung zu bedenken und zu
konturieren.

Eric Steinhauer
http://www.steinhauer-home.de





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