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Re: [InetBib] Abrechnung mit der Open Access-Heuchelei der Bibliotheken



Werter Herr Graf,

Es ist nicht im geringsten pauschalisierend, auf eine mit
zahlreichen Beispielen unterfuetterte Darstellung, welche
Doppelmoral sich Bibliotheken in Sachen OA leisten, mit
einem denkbar undifferenzierten Pizzabaeckerbeispiel zu
antworten? Gegner, denen man nicht argumentativ beikommen,
werden mit Platitüden plattgemacht.

Naja, mit Platitüden habe ich bislang noch niemanden plattmachen können, aber 
sei's drum: Das Beispiel ist nicht wirklich pauschalisierend, denn es 
korrespondiert mit der Undifferenziertheit, die Sie in Ihren Anwürfen hier an 
den Tag legen. Das nennt man dann vielleicht eine Satire. - - - Aber lassen wir 
den Streit darüber, es geht hier immer noch um die Sache, derer ich mich 
durchaus verbunden fühle.

Was soll also die Pizza bei dem Ganzen? Es geht bei OA (open access) vs. RA 
(restricted access) m.E. im Kern um die Frage, welche variablen und fixen 
Kosten bei der Bereitstellung und Unterhaltung entsprechender Angebote anfallen 
und wer für diese Kosten aufkommt. Deshalb zu den verschiedenen Projekte, die 
ich selbst recht gut kennen:

A) Digitalisierungsprojekte wie die Jiddischen Drucke (JD) und Compact Memory 
(CM) verschlingen überwiegend Fixkosten für den Aufbau der entsprechenden 
Angebote. Die variablen Kosten sind demgegenüber fast vernachlässigbar, jedoch 
in absoluter Höhe nicht wirklich gering. So steht der CM-Server im lit.wiss. 
Institut der RWTH, benötigt für anfallende Wartungsarbeiten einen 
qualifizierten Administrator und in regelmäßigen Abständen einen Austausch der 
Serverkomponenten, die durch Verschleiß ein natürliches Ende finden (soviel zu 
der Immaterialität von Software). Hinzu kommen Stromkosten und entsprechende 
Anteile an der verwendeten Bandbreite im DFN-Netz, an das die RWTH angebunden 
ist. All diese Personal- und Sachkosten werden von der RWTH Aachen getragen, 
der Löwenanteil aus dem Etat des Lehr- und Forschungsgebietes Deutsch-jüdische 
Literaturgeschichte. Letztlich kommt hier also der Steuerzahler für die Kosten 
auf - und folglich ist das Angebot auch strikt OA. Eine offene Frage ist jedoch 
die Nachhaltigkeit des Angebotes. Meiner persönlichen Einschätzung nach wird 
man hier mittelfristig nicht an einem Sponsoring vorbeikommen.

B) Der JD-Server hingegen steht bei semantics, wird von semantics unterhalten 
und gewartet. Er verbraucht etwa 50% der Bandbreite, die wir von unserem 
Provider beziehen (davon kommen weit über 70% nicht aus Deutschland, sondern 
vor allem aus den USA, Israel usw.). Die Kosten hierfür trägt nicht der 
Steuerzahler - aber dennoch haben wir uns entschieden, daß wir diese Sammlung 
strikt OA anbieten. Es liegt uns einfach viel an der freien Zugänglichkeit 
dieser äußerst seltenen und nur durch viele Zufälle und das persönliche 
Engagement vieler einzelner vor der Zerstörungswut des Nationalsozialismus 
geretteten Materialien.

C) Die Kostenstruktur der BDSL und BLL ist vollkommen anders gelagert. Es 
handelt sich hier fast ausschließlich um variable Kosten, die sich aus der 
bibliographischen Arbeit, der technischen Bereitstellung, der technischen 
Weiterentwicklung usw. usf. ergeben. Ein Teil der bibliographischen Daten z.B. 
der BDSL konnte durch ein DFG-Projekt retrodigitalisiert werden (1985-1990), 
die sonstigen Daten sind mischfinanziert elektronisch erfaßt (UB Frankfurt/M. - 
Klostermann Verlag). Die technische Infrastruktur zur Bereitstellung im Netz 
ist ebenfalls mischfinanziert (UB Frankfurt/M. - semantics) entstanden und wird 
seit über zwei Jahren allein von semantics getragen. Hieraus ergibt sich das 
entsprechende Lizenzmodell zwischen OA und RA. Hinzu kommt: Es gibt keinerlei 
Zugriffsbeschränkungen, die Nutzer aus VPN-Netzen lizenzierenden Institutionen 
von der Nutzung ausschließen. Ein solches Modell halten wir für unzeitgemäß und 
wirklichkeitsfremd. Aber, das soll jeder Anbieter so gestalten, wie er es für 
richtig hält. (Und jeder Lizenznehmer akzeptieren, wenn er es für notwendig 
hält.)

Was hat das nun tatsächlich mit Pizza zu tun? Die Anspielung erschließt sich 
vielleicht nur für den, der das TEI-Pizza-Modell 
(http://www.tei-c.org/pizza.html) kennt. Oder vielleicht auch für den, der 
einen tollen Pizzabäcker seinen Freund nennt - und ab und an die besten Salate 
tatsächlich geschenkt bekommt. Weil der so gerne über Demokratie diskutiert. 
Und das am liebsten bei einen schönen Rotwein, den man dann selbst mitbringen 
kann. Es erschließt sich nicht dem, der nie eine TEI-DTD erarbeiten mußte. Und 
auch keinen Pizzabäcker kennt. Weil er zu sehr mit Krawallmache beschäftigt 
ist, um ein gutes Gespräch über variable und fixe Kosten zu führen. Oder über 
die Demokratie ganz allgemein.

Ansonsten: Bei entsprechender Differenziertheit bin ich gerne zu einem Gespräch 
über OA bereit. Einen nicht geringen Teil meiner "Freizeit" verbringe ich 
nämlich auch damit, hierfür tragfähige Lösungen zu finden. Und einen Teil 
meiner "Geschäftszeit" ebenfalls. Das bringt oft mehr als Krawall.

Beste Grüße,
Kay Heiligenhaus


Listeninformationen unter http://www.inetbib.de.