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Re: [InetBib] Google und Bibliotheken



 
Liebe ListenteilnehmerInnen,
eine Frage stellt sich mir allerdings schon: wie stellen sich die 
wissenschaftlchen Bibliotheken (bei den öffentlichen mag die Situation eine 
andere sein) eigentlich in einem solchen Szenario, in dem der Großteil der 
Buchbestände digital quasi in jedermanns Wohnzimmer zur Verfügung steht, ihre 
Zukunft vor? Wenn der Leser den Eindruck hat, es gibt ja alles im Netz, wird er 
sich in den meisten Fällen den Weg in die Bibliothek sparen. Also mit 
Begeisterung seine Bestände einem kommerziellen Projekt entgeltfrei zur 
Verfügung stellen, um sich am Ende selber Überflüssig zu machen? Und ist dem 
Leser tatsächlich am meisten damit gedient, wenn er nicht mehr selber am Regal 
nach Literatur stöbern muss und auch auf den einen und anderen interessanten 
Titel  trifft nach dem er ursprünglich gar nicht gesucht hat? Das ungeliebte 
Copyright am Ende als  letzter Rettungsanker für das Bibliothekswesen? Ich 
würde mir in der Bibliothekslandschaft schon mal ein paar konzeptionelle 
Gedanken über meine zukünftige Rolle machen, bevor ich völlig blauäugig in 
einem Abenteuer wie google book search mitspiele. Vernichtungsaktionen wie in 
Eichstätt erscheinen dann manchem Finanzbürokraten vielleicht  tatsächlich in 
einem ganz anderen Licht, wenn physische Bücher praktisch keine Rolle mehr 
spielen. Entsprechende Argumentationsstränge waren ja hier auch schon zu lesen. 
Und über die Verlinkung von Digitalisaten brauche ich mir auch gar keine 
Gedanken mehr zu machen, wenn das Gros der Leser den Umweg über 
Bibliothekskataloge gar nicht mehr geht.
Es wundert mich schon ein wenig, dass ein Bewußtsein hierfür so gar nicht 
vorhanden sein zu scheint.
Schöne Grüße
Carsten Steffens 


----- Original Nachricht ----
Von:     Armin Stephan <armin.stephan@xxxxxxxxxxxx>
An:      INETBIB@xxxxxxxxxxxxxxxxxx
Datum:   12.03.2007 11:11
Betreff: Re: [InetBib] Google und Bibliotheken

Liebe ListenteilnehmerInnen,

die Mail von Prof. Schmide führt uns zu einem Aspekt der Geschichte, der
bislang erstaunlicher Weise noch nicht in der Diskussion hinreichend
wahrgenommen worden ist: das "liebe" Geld!

Es stimmt sicher nicht, wenn man pauschal sagt, das deutsche
Bibliothekswesen hätte nichts unternommen, um auf die elektronische
Omnipräsenz des Wissens hinzuarbeiten.

Doch was unternommen wurde, kann durchaus für den Aussenstehenden
wie bedeutungslose Peanuts wirken. Erst recht angesichts der jüngsten
Entwicklungen. Ein sehr wichtiges Thema war z.B. in den letzten Jahren das
Thema Kataloganreicherung. Von der lokalen Ebene bis hin zu den
Verbünden ist dieses Thema inzwischen in den Köpfen und in der Praxis
angekommen. Da sind eine paar zigtausend Inhaltsverzeichnisse gescannt
worden und dort ein paar ...

Und es soll auch KollegInnen gegeben haben, die wie ich darunter gelitten
haben, dass Abertausende gescannte Aufsätze, die im Rahmen der
SUBITO-Geschäftsgänge entstanden sind, wieder von den Festplatten
gelöscht worden sind aus urheberrechtlichen Gründen.

Nett alles, aber natürlich nichts im Vergleich zu dem Vorhaben, die
Buchtexte selber am Bildschirm zu präsentieren - und zwar möglichst alle.

Jede Bibliothekarin und jeder Bibliothekar in Deutschland wäre bislang froh
gewesen, wenn er oder sie sich auch nur annähernd hätte vorstellen
können, die Inhaltsverzeichnisse aller Werke im eigenen Bestand oder alle
Zeitschriftenaufsätze zu scannen. Doch mehr als Tröpfchen auf den heissen
Stein waren unter den gegebenen Umständen nicht zu leisten.

Was kostet es, die Millionenbestände einer BSB zu digitalisieren? (Nicht
nur
eine rhetorische Frage ... Würde mich wirklich interessieren, von welchen
Beträgen wir hier reden.)

Klar ist doch: Es ist eine gigatische Summe! Welche Institution in
Deutschland wäre in der Lage und willens, so etwas zu finanzieren? Die
DFG? Peanuts ... Die Bundesregierung? Peanuts ... Die deutsche
Wirtschaft? Vielleicht, aber besteht Interesse ...

Interessant finde ich in der Schilderung von Prof. Schmiede, dass auch in
Amerika so etwas erst möglich wurde, als man sich aus einem "öffentlichen"
Projekt ausgeklinkt hat und die Sache mit Pfiff und kommerziell in Angriff
genommen hat.

Es gibt noch mehr Beispiele (z.B. ebay), aber Google ist sicher das
beeindruckendste dafür, dass man im elektronischen Sektor unglaubliches
(wirtschaftliches) Glück haben kann. Mit fast Null Aufwand kann man via
Internet ein Projekt ins Leben rufen, das funktioniert wie die berühmte
Lizenz zum Gelddrucken.

Apple hat in der Garage angefangen, zusammen mit Microsoft. Aber welch
vergleichsweise riesiger materieller und personeller Aufwand und deshalb
auch Zeit war nötig bis die Gründer von Apple und Microsoft zu Millionären
und schliesslich Milliardären wurden. (Man vergegenwärtige sich nur mal
den Aufwand, der nötig ist, um WINDOWS Vista worldwide an den Mann
oder die Frau zu bringen.)

Jetzt ist es passiert: Mit vergleichsweise fast Null Aufwand haben die
Google-Gründer ein Milliarden-Vermögen aus dem Nichts angehäuft, einen
Geldberg, der so gross ist, dass man sich im wahrsten Sinne des Wortes
fast alles leisten kann.

Die Millionenbestände der LoC digitalisieren? No problem ... Und auch die
der BSB dazu? No problem ...

Man kann die KollegInnen in München schon auch verstehen: Das bislang
Unvorstellbare wird plötzlich vorstellbar. Der Blick in die riesigen
Magazine
muss angesichts der selbst gesteckten Ziele nicht mehr Verzweiflung
auslösen, sondern kann in Euphorie münden. Welche Versuchung!

Die Vision elektronischer Omnipräsenz des weltweiten Wissens ist sicher
älter als Google. Spätestens mit flächendeckender Verbreitung des
Internets ist auch deutschen BibliothekarInnen klar geworden, dass es ja im
Grunde jetzt technisch möglich ist, diese Vision zu realisieren. Nicht
Blindheit oder Verträumtheit hat sie abgehalten, sondern Mangel an
Pfiffigkeit. (Konnte so etwas nur in Amerika glücken? Ich weiß es schlicht
nicht ... Vielleicht ja auch in einer Garage in der Schlesischen Oberlausitz
...
Aber das ist auch eine völlig andere Frage. Ich halte es für
vergleichsweise
unwichtig, über "America oder Old Europe" zu diskutieren oder  zu
lamentieren in diesem Zusammenhang.)

Erst Googles unvergleichliche finanzielle Potenz und seine Intention, diese
Potenz ausgerechnet im Bereich Informationsvermittlung einzusetzen,
verbunden mit dem Dazulernen bei Google, Information nicht nur auffindbar
zu machen sondern auch selber zur Verfügung zu stellen, könnte jetzt wahr
machen, was viele schon lange für eine "logische" Entwicklung halten. Hier
liegt der dann doch fast unvorstellbare Quantensprung, dem wir uns jetzt
ausgesetzt sehen.




Am 10 Mar 2007 um 21:21 hat Prof. Dr. Rudi Schmiede geschrieben:




Mit freundlichen Gruessen
Armin Stephan
Augustana-Hochschule / Bibliothek
D-91564 Neuendettelsau
 |
 |      ,__o
 |    _-\_<,
 |   (*)/'(*)




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Listeninformationen unter http://www.inetbib.de.