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Re: [InetBib] Wikipedia, Google....



Lieber Herr Umstätter, liebe Liste,

Dank Ihnen für die nötige Begriffsklärung bzgl. "Information"!

Dass das Unbehagen, wie Herr Dudeck es formuliert hat, bleibt, hängt m.E. 
allerdings nur zum Teil an der unklaren 
Verwendung des Begriffs. Für problematischer halte ich sowohl dessen 
Monopolstellung (im Verein mit dem "Wissen") in unserer Diskussion als auch die 
ganz allgemeine Ersetzung anderer Begriffe durch diesen.
Ebenso ist auch die zweifellos wichtige Informationstheorie nicht ein 
umfassendes Erklärungsmodell, nicht einmal für alle Belange des Internets.

Als mindestens ebenso grundstürzend für die Philosophie des 20. Jahrhunderts 
darf man die Symboltheorie betrachten, die ein gutes Stück vor der Entdeckung 
des Broca-Zentrums und im Einklang mit einer langen, langen Denktradition das 
Spezifikum des Menschseins in seiner Sprachfähigkeit sah und u.a. hervorhob, 
dass Bewusstsein und Sprache wesentlich miteinander verknüpft sind. Die 
Philosophie des Symbols rückt allerdings Begriffe ins Zentrum, die wir heute 
eher in politischen Sonntagsreden erwarten; z.B. "Kultur" und "Bildung".

Bei den bisherigen Wortmeldungen wird m.E. übersehen, dass weniger Information 
als vielmehr Bildung, besser: ersteres nur im Zusammenhang und mit dem Ziel des 
letzteren der Grundbegriff unserer Zunft ist. Insofern geht das Beispiel mit 
dem Kind, das mal schnell nach Füllmaterial fürs Fünfminutenreferat suchte, an 
der Sache vorbei: Man kann wegen solcher Fragen Bibliotheken benutzen, muss es 
aber nicht (Wikipedia). Und wegen solcher Fragen dürften die meisten unserer 
Einrichtungen ihre Bestände auch nicht angesammelt und ordentlich aufgestellt 
haben. Das Interesse der sog. Informationsgesellschaft und das Angebot der 
Bibliotheken haben Schnittmengen. Der erwähnte Fall gehört da nicht zwingend 
hinein.
Es ist hingegen keine Marginalie, darn zu erinnern, dass Ernst Cassirer seine 
"Philosophie der symbolischen Formen" in enger Anbindung an eine Bibliothek 
(Aby Warburg) entwickelte. Im Gegenteil hat er immer wieder darauf hingewiesen, 
dass ihm nicht dieses oder jenes Buch daraus, sondern deren Anordnung selbst, 
die Augen geöffnet hat. 
Man kann mit solchen Aussagen, wie gesagt, Sonntagsreden schmücken. Man kann 
sich aber auch selbstkritisch fragen, inwieweit einem heutigen Wissenschaftler 
solche "Offenbarungen" in unseren modernen Bibliotheken überhaupt noch möglich 
wären. Die Frage zu stellen, heißt wohl, sie zu verneinen. Es kommt mir 
ziemlich verhängsnisvoll vor, dass sich die Ausrichtung unserer 
Bibliotheksmaschinerie in den vergangenen Jahrzehnten nur an der unmittelbaren 
Befriedigung von Nutzeranfragen ausgerichtet hat, vergleichsweise wenig aber 
darüber nachgedacht worden ist, wie systematische Sachzusammenhänge sichtbar 
gemacht werden können.

Der Kernaussage nach halte ich das Szenario, das Herr Steinhauer (freilich 
übertrieben, aber in Form einer Polemik darf man das ja wohl) gezeichnet hat, 
für durchaus realistisch. Mit Rassismus hat das nichts zu tun! Auch nicht mit 
Klassenrassismus. Kennen denn nicht die meisten von uns diese Art von 
Themendurchwurschtler? Möglichst schnell, möglichst knapp und möglichst flach 
müssen die Informationen dieser Benutzergruppe vorhanden und abgefasst sein. 
Nach meiner Beobachtung nimmt der Prozentsatz der Stundenten, die eher einem 
solchen Informationsbedürfnis zuneigen, zu. Für mich ein klares Anzeichen 
dafür, dass Information tatsächlich dumm machen kann. Dummheit ist ja keine 
Frage der Intelligenz, sondern z.B. der Unwille sich in den Kosmos einer ganz 
bestimmten Fragestellung einzuarbeiten.

Beste Grüße

Philipp Gahn

-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: inetbib-bounces@xxxxxxxxxxxxxxxxxx 
[mailto:inetbib-bounces@xxxxxxxxxxxxxxxxxx] Im Auftrag von h0228kdm
Gesendet: Dienstag, 23. Oktober 2007 21:55
An: Internet in Bibliotheken
Betreff: Re: [InetBib] Wikipedia, Google....


Lieber Herr Hehl,

dass "Bibliotheken bzw. deren Leitungen das zunächst mehr 
ignorierten als förderten" konnte 1975 niemand so deutlich 
erfahren, wie die Ltd. BDir. Frau Dr. Rehm, die damals die 
erste Online Dokumentation in einer deutschen UB in Ulm 
eröffnete, und mir so die Chance gab sie voranzutreiben. Dass 
aber die Entscheidungen im Weinberg Report 1963 zu den ersten 
Digitalisierungen in den Bibliotheken führten, darf nicht in 
Vergessenheit geraten, wenn man kein verzerrtes Bild dieser 
Entwicklung zeichnen will. Das revolutionierte damals das 
Bibliothekswesen schrittweise weltweit. Wenn einige 
Nachzügler dies bis heute noch nicht begriffen haben, und 
andere glauben hier noch immer Neuland zu betreten, so liegt 
das in der Natur der Sache. Dabei machte das Internet diese 
Entwicklung nur allgemein, über die Bibliotheken hinaus, 
sichtbar. Das widerspricht also keinesfalls Ihren eigenen 
Erfahrungen. Im Gegenteil, ich kann mich noch gut an ein 
Gespräch erinnern, bei dem ich mit Herrn Landwehrmeier in 
Tübingen über den Einsatz eines Terminals diskutierte. Man 
sollte dabei nicht unterschätzen, was das damals kostete.

Zu der Bemerkung von Herrn Dudeck:
Gut, versuchen wir es mit "was ist Bewusstsein?"
ist zu sagen: Stimmt. Bewusstsein ist noch interessanter ;-)

Bewusstsein ist die Fähigkeit des Menschen unterbewusstes
bzw. unbewusstes Wissen zu reflektieren, also vorhandenes 
Wissen zu analysieren und daraus neues Wissen zu generieren.

So haben wir auf der Basis der Informationstheorie vier 
Ebenen 4. Bewusstseinsebene 3. Wissensebene 2. semiotische 
Ebene bzw. Bedeutungsebene 1. Informationsebene

Phylogenetisch betrachtet trat das Bewusstsein daher auch 
erst sehr spät zur Menschwerdung hinzu, woraus sich auch ein 
Teil der Problematik in der Diskussion zwischen Wilberforce 
und Huxley, in der Auseinandersetzung um den Darwinismus, 
ergab. Wilberforce fragte damals (30.6.1860) Huxley etwas 
unhöflich: 'Is it on your grandfather's or your grandmother's 
side that you claim descent from a monkey'.

Bei der Unterscheidung des Menschen gegenüber dem Affen, dem 
ein so ausgeprägtes Organ wie das Brokasche Zentrum zur 
Begriffsbenennung noch fehlt (trotz der "peinlichen 
Verwandtschaft" die Goethe nachwies), scheint, neben dem 
Bewusstsein, die Sprachfähigkeit von entscheidender Bedeutung 
zu sein. Bei ihr spielen die sog. Spiegelneuronen eine 
kürzlich entdeckte Rolle, die für unsere Lernfähigkeit 
essentiell wichtig sind, weil diese Neuronen ähnlich 
reagieren ("feuern"), gleichgültig ob wir etwas selbst tun 
oder nur sehen, dass es andere Menschen tun. Diese Entdeckung 
wirft auch ein neues Licht auf die genannte Erkenntnis von Konfuzius.

Ich befürchte, dass das für Bibliothekare mehr Praxisbezug 
hat, als viele im Moment noch ahnen. Das gilt zumindest für 
die, die sich über eine FaMI-Ausbildung oder einen Bachelor 
hinaus, als informationskompetent und als Organisatoren 
menschlichen Wissens qualifizieren wollen.

Nach der Revolution die die Informationstheorie im letzen Jahrhundert 
auslöste,
ist es nicht schwer zu erkennen, dass uns nun die Revolution einer 
Wissenstheorie
bevorsteht.

MfG

W. Umstätter




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