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Re: [InetBib] #bibac12 auf dem bibtag - diskussionen.....



Sehr geehrter Herr Müller,

ich wüsste im Moment nicht zu sagen, worin Sie mir widersprechen, da ich
ja lediglich auf den Link verwies, nachdem in den USA die Nutzung von
e-textbooks anscheinend massiv gefördert werden soll. Im Prinzip
impliziert das Ihre Aussage „In den USA lesen die Studenten keineswegs
E-books.“ insofern, da die angesprochene Förderung ja anderenfalls nicht
nötig wäre. Es ist aber vermutlich damit zu rechnen, dass sich das in den
USA bald ändern wird, während ich vergleichbare Fördermaßnahmen in
Deutschland noch nicht sehe. Aber voraussichtlich wird man dann die
geplanten Angebote in den USA entsprechenden zeitverzögert übersetzen und
(preiswert ?) anbieten.

Wenn ich dann noch die Bedingungen des iBookstores bei Apple
( http://www.apple.com/legal/itunes/de/terms.html#GIFTS )
lese, dann sehe ich im Moment auch nicht, dass sich die Copyrights bzw.
die Urheberrechte in eine sinnvolle, moderne, bibliotheksaffine Richtung
verändern werden – trotz Piraten. Solange aus der Sicht eines
Informationswissenschaftlers Information, Redundanz, Rauschen und Wissen
juristisch völlig undifferenziert in einen Topf geistigen Eigentums
geworfen werden, ist auch nicht damit zu rechnen. Da bedarf es eines noch
größren Desasters, bis sich fundiertes Wissen wieder Bahn bricht.

Im Prinzip ist es Etikettenschwindel, jeden Schund als hochwertiges
Wissen, als Kulturgut, als Kunst, geschweige als geistiges Eigentum zu
vermarkten. In einer Dissertation mit z.B. drei Thesen, sind doch genau
genommen nur diese Thesen das geistige Eigentum des Doktoranden, und sich
die zu erarbeiten, ist für die meisten schon schwer genug. Alles andere
ist doch nur evidenzbasierte Untermauerung, zur Verteidigung dieser
Thesen. Aber wenn neuerdings auch schon Bild-Journalisten für ihren
investigativen Jounrnalismus geehrt werden, weiß bald überhaupt niemand
mehr was Schund ist - außer ein paar Journalisten von der Süddeutschen
Zeitung ;-).

Ich hoffe Ihr Vortrag wird möglichst zeitnah erscheinen. Ich lese lieber
als zu hören, da kann man besser nachdenken ;-)

Mit freundlichen Grüßen

W. Umstätter


Sehr geehrter, lieber Herr Umstätter,

leider glaube ich Ihnen widersprechen zu müssen (es wäre schön, wenn ich
mich irren würde!): In den USA lesen die Studenten keineswegs E-books. Das
wird ihnen nämlich von den Verlagen verweigert. Rechtlich gesehen haben
Verlage die vollständige Verfügungsgewalt über E-books und können frei
entscheiden, ob, wann, wie, wielange, zu welchem Preis, unter Preisgabe
welcher persönlicher Daten etc. etc. etc. eine Person ein E-book lesen
darf. Oder auch nicht!!! In den USA haben gerade jetzt die großen Sechs
entschieden, keine E-books an Bibliotheken zu geben.

Wenn Sie eine juristische Erklärung hierfür hören möchten, kommen Sie zu
meinem Vortrag auf dem Bibliothekartag. (Ich weiß, das ist jetzt
Eigenreklame. Ja, und?)

Oder lesen Sie die am vergangenen Freitag veröffentlichte Stellungnahme
der IFLA zu E-books in Bibliotheken.
http://www.ifla.org/files/clm/publications/ifla_background_paper_e-lending_0.pdf


MfG

Dr. Harald Müller

Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht /
Bibliothek
Max Planck Institute for Comparative Public Law and International Law /
Library
Im Neuenheimer Feld 535; D-69120 Heidelberg
Phone: +49 6221 482 219; Fax: +49 6221 482 593
Mail: hmueller@xxxxxxx
________________________________________
Von: inetbib-bounces@xxxxxxxxxxxxxxxxxx
[inetbib-bounces@xxxxxxxxxxxxxxxxxx]" im Auftrag von "Walther Umstaetter
[walther.umstaetter@xxxxxxxxxxxxxxxx]
Gesendet: Freitag, 11. Mai 2012 10:35
Bis: Internet in Bibliotheken
Betreff: Re: [InetBib] #bibac12 auf dem bibtag - diskussionen.....

Sehr geehrter Herr Scharwächter,

da ich Ihren Anmerkungen im Moment leider nichts wesentliches hinzuzufügen
habe ;-) hier noch eine Anmerkung zum Thema "Library of the Future" und
warum uns die USA noch immer etliche Jahre voraus sind:

http://digital-textbooks.blogspot.de/2012/05/apple-nonprofits-push-digital-college.html

”College students will no longer be out hundreds or even thousands of
dollars for print textbooks every year. Instead, they'll read e-textbooks
at much less cost — or no cost at all.”

”Apple (AAPL) are pressing ahead in this market.”

“The nonprofit says it will raise and allocate $3 million for its
e-library, and says it's received promises of an additional $2 million in
funding from the Bill & Melinda Gates, and William and Flora Hewlett
foundations.”

Nach der pädagogischen Revolution der Schiefertafel sind die Slates
voraussehbar noch sehr viel revolutionärer.

Ich warte allerdings noch auf den Durchbruch der App, mit der alle Kinder
spielend lesen und schreiben lernen, auch wenn ich mir schon Sorgen um die
dann arbeitslosen Vorschulllehrer hierzulande mache, während sie in den
unterentwickelten Ländern gar nicht erst eingestellt werden müssen ;-)

MfG

W. Umstätter

P.S. Der Vorteil von iPads ist u.a. das man sie Orten und benachrichtigen
kann, wenn sie von der Ausleihe nicht zurück kommen. Falls dann jemand den
Weg zur Bibliothek nicht mehr weiß, könnte man ihm den auch noch anbieten
;-)


Hallo Herr Umstätter,

das ist ja ein Rundumschlag ;-)

Walther Umstaetter schrieb am 10.05.2012 19:12:
Schon die Benennung Unkonferenz dürfte eher provokativ und damit
abwegig
sein, denn über ein Netz zu konferieren, wird nicht weniger
kommunikativ,

Das Wort Unkonferenz ist in der Tat eigentlich falsch. Eine Konferenz
ist ein Zusammentragen, Vergleichen im Sinne des Wortes. Eine
Unkonferenz ist nicht das Gegenteil davon, sondern genau dieses: Es wird
Wissen zusammengetragen.

Es ist sicher von Vorteil, dass man heute Aussagen eines Vortragenden
schon während des Vortrags ad-hoc online überprüfen kann.

Das ist richtig. Gut ist auch, dass man während eines Vortrages seine
Eindrücke an andere weitergeben kann (z.B. via Twitter) ohne tuscheln zu
müssen. Das hat allerdings nicht direkt etwas mit einem Barcamp zu tun.

Dass manche
BarCamp-Teilnehmer oder –Sponsoren aber oft auch nur ein Forum suchen,
um
sich zu profilieren, sollte darum nicht völlig übersehen werden.

Auf den Barcamps, die ich besuchte, war der Anteil jener, die sich nur
profilieren (im negativen Wortsinn), verschwindend gering.

Es ist sicher kein Fortschritt, wenn Menschen sich zu Konferenzen
treffen,
auf die sie sich gar nicht vorbereiten können, weil sie ja noch nicht
wissen welche Themen zur Debatte stehen werden.

Hier irren Sie. Natürlich kann man sich auf ein Thema vorbereiten, zu
dem man auf einem Barcamp eine Session anbieten möchte. Es ist
gestattet, ein Thema zu präsentieren, in dem man sich sehr gut auskennt,
und anschließend einige Aspekte aus dem Publikum einzusammeln. Es ist
aber auch gestattet, zum Beispiel gemeinsam über einen herkömmlichen
Vortrag auf dem Bibliothekartag zu diskutieren und das Thema
weiterzuentwickeln.

Auch wenn es in Fernsehen
und Rundfunk modern geworden ist, dass Menschen über Themen sprechen,
von
denen sie oft wenig verstehen, weil das sehr erheiternd sein kann
(meist
ist es nur peinlich, weil Menschen gezwungen werden ihre Unkenntnis zu
Markte zu tragen), so darf das nicht zum Maßstab von wissenschaftlichen
Diskussionen werden.

Wenn Sie sich die Themen des letzten Bibcamps ansehen [1] und einen
Blick in die Teilnehmerliste werfen: Haben Sie dann den Eindruck, dass
da Ahnungslose über fremde Themen diskutiert hätten?

Auch Arbeitgeber stehen vor der Frage, welche ihrer
Spezialisten sie auf eine Konferenz schicken, wenn noch gar nicht klar
ist, für welche Spezialisten es wichtig wird. Bei Studierenden ist das
eher unerheblich, wenn sie sich möglichst breit fortbilden wollen.

Ein Barcamp richtet sich an eine bestimmte Personengruppe. Bei den
Barcamps, über die wir diskutieren, sind das bibliotheksaffine Personen.
Insofern ist die Chance, dass man bei einem solchen Barcamp andere
Personen trifft, die das gleiche Spezialgebiet beackern, recht hoch.

Es ist gleichgültig ob man die Bibliothekartage, die BarCamps oder
beide
fortntwickelt, entscheidend ist, das eigentliche Ziel, den
Wissensgewinn
aller Teilnehmer zur "Library of the Future" im Auge zu behalten, und
dass
das Wissen der Welt allen kostenlos zur Verfügung stehen muss, wenn wir
diese Welt nicht ruinieren wollen.

Diesen Absatz hätte ich Pro-Barcamps nicht besser formulieren können.
Barcamps sind eine Ergänzung, nicht ein Ersatz für Tagungen. Ein Barcamp
in Verbindung mit einer straff organisierten Tagung kann ein Mehrwert
sein, eine Steigerung des Ergebnisses. Ich bin jedenfalls gespannt.

Mit freundlichen Grüßen,
Michael Schaarwächter

[1] http://goo.gl/57ctF (bibcamp.pbworks.com/...)

--
  Michael Schaarwächter
  Universitätsbibliothek Dortmund
  EDV
  +49 231 7554050
  http://www.ub.tu-dortmund.de
  http://www.inetbib.de

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