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Re: [InetBib] Bibliothekartag und Bibliothekskongress: Es mangelt an neuen Ideen, einer Kultur des gemeinsamen Machens, mehr Offenheit - und Empowerment für den Nachwuchs



Liebe Listenteilnehmer/innen,

Herr Heller vertritt die These ``Es mangelt an neuen Ideen'' (www.b-i-t-online.de/heft/2016-01-standpunkte.pdf), während Herr Schnalke dem entgegen setzt: “Es mangelt nicht an neuen Ideen -- die sind vorhanden. Es mangelt aber an einer Kultur, die dazu ermutigt, neue Ideen zu aeussern, auszuprobieren und sich auf sie einzulassen.” Dem kann ich leider auch nicht ganz folgen. Einerseits haben wir seit fünf Jahrzehnten permanent, und in letzter Zeit immer mehr kreative Ideen für das Überleben des Bibliothekswesens der absehbaren Zukunft, viele werden auch ausprobiert (Bibliotheken zur Leseförderung, für Arbeitslose, für Senioren, für Flüchtlinge, papierlose Bibliothek in Texas, Makerspaces, Library Alchemsits, fluide Gebäude, …), nur niemand kann sich auf die “Kultur des gemeinsamen Machens” einigen.

Insofern fehlt uns noch immer die Idee, auf der wir eine für die Bibliotheken der Zukunft brauchbare Basis gründen können. Eigentlich müsste das die Informationstheorie mit allen ihren Konsequenzen sein, aber dagegen wehren sich noch immer zu viele der Betroffenen. Sicher hat W. Bredemeier Recht, wenn er schreibt: „Ein guter Schritt wäre getan, wenn wir unsere persönlichen Eitelkeiten aufgäben“ (www.password-online.de/was-rafael-ball-wirklich-sagen-wollte/), denn die meisten neuen Ideen fördern das Gegeneinander und nicht das gemeinsame Miteinander. Am deutlichsten sieht man dies beim Kampf zur Erhaltung des gedruckten Buches in den Bibliotheken, und daran, das der weitgehende Konsens um 2000 hin zur Digitalen Bibliothek, durch die Juristen zerstört wurde, die E-Books zu Dateien degradierten, um die Digitale Bibliothek sozusagen zu enteignen. Nun glauben immer mehr Bibliothekare ernstlich, dass ihre Zukunft in der Erhaltung des gedruckten Buches liegt. In Wirklichkeit offenbart es nur eine momentane Orientierungslosigkeit, denn die Hoffnung, dass die Digitalisierung des allgemeinen Publikationswesens so aufgehalten werden kann, ist reines Wunschdenken der Nostalgiker. Viele Ideen sind auch so, dass man sich fragt, warum gerade Bibliothekare diese Aufgabe besonders gut leisten können.

Als die ersten Informationsvermittler in den Bibliotheken noch das Plus hatten, mit Datenbanken umgehen zu können, und die Journalisten noch weit davon entfernt waren, da war die Online-Recherche noch eine Bibliotheksdomäne. Heute kämpfen auch die meisten investigativen Journalisten um ihre Existenz. Außerdem haben die Information Professionals Jahre lang darum gekämpft, dass auch jeder Laie ein Grundwissen in der Informationskompetenz erhält, wir können uns also nun nicht darüber wundern, dass wir auch in den Citizen Scientists eine wachsende Konkurrenz bekommen.

Die Kernfrage ist darum, welche Fähigkeiten müssen heute Information Professionals in allen ihren Spezialisierungen erwerben, um als Berufsgruppe auch in absehbarer Zukunft qualifiziert und gebraucht zu werden. Ihre Informationskompetenz muss eindeutig weiter reichen, als die der Laien. In Großbritannien hat man beispielsweise schon vor vielen Jahren die Forderung, dass Bibliothekare mehrere Fremdsprachen beherrschen müssen, so abgeändert, dass auch die Erfahrung mit Programmiersprachen angerechnet werden. Insofern ist Herrn Schnalkes Erfahrung sicher richtig, dass das Bibliothekswesen Bibliothekare mit Programmiererfahrung dringend braucht. Das zeigen auch etliche Stellenangebote, insbesondere in den USA.

Nachdem man 1974 im IuD-Programm den Vorsprung der USA mit dem Weinbergreport (1963) aufholen wollte, haben sich immer wieder unzählige Menschen in Deutschland bemüht, einen eigenen Weg (jedenfalls nicht den in US-Amerika) zu gehen (so erinnert man sich noch an den Streit um RAK und AACR), so dass der Entwicklungsvorsprung der USA immer größer wurde (Internet, Google, Amazon ...). Die Zurück-zum-gedruckten-Buch-Strategie erhöht die berufliche Attraktivität von Bibliothekar/innen auch nicht auf längere Sicht, sie deklassiert das deutsche Bibliothekswesen.

MfG

Walther Umstätter




Am 2016-03-03 00:14, schrieb markus schnalke:
[2016-02-26 11:53] Lambert Heller <lambert.heller@xxxxxxxxx>

Hallo Liste,

in einem seit gestern kostenlos online zugänglichen "Pro und Contra" der "b.i.t. online" habe ich auf einer Seite meine Kritik an Bibliothekartag
und Bibliothekskongress dargelegt:
http://www.b-i-t-online.de/heft/2016-01-standpunkte.pdf

Da "b.i.t. online"-Artikel leider nur als PDF-Dateien erscheinen, gibt es dort auch keine Kommentare, Trackbacks o.ä., aber wer mag kann zum Beispiel
auch bei Twitter kommentieren:
https://twitter.com/Lambo/status/702891106271363073 - oder natürlich hier
auf der Liste.


Hallo.

Ich will gerne meine Gedanken zu diesem Text und darueber hinaus
formulieren.


Aus meiner Sicht als potenzieller Nachwuchs finde ich den
Standpunkt von Hr. Heller zum Bibliothekartag zutreffend.

Was ich aber unpassend finde, sind die Worte im Titel: ``Es
mangelt an neuen Ideen''. So lese ich das aus Hr. Hellers Worten
im Text nicht heraus und so sehe ich das auch selber nicht. Es
mangelt nicht an neuen Ideen -- die sind vorhanden. Es mangelt
aber an einer Kultur, die dazu ermutigt, neue Ideen zu aeussern,
auszuprobieren und sich auf sie einzulassen.

Mir sieht die Bibliothekswelt viel mehr danach aus:

        ... denn bisher wollte er zwar immer ein anderer
        sein, aber er wollte sich nicht aendern.

                -- Die Unendliche Geschichte


Ich bin jung, ich bin Informatiker, ich kenne mich mit freien und
offenen Communities aus und zudem wuerde ich gerne auch noch
mithelfen das Bibliothekswesen voran zu bringen -- an sich eine
nette Kombination. Was ich in den vier Jahren, seit dem Beginn
meines Referendariats, erfahren habe, war eine seltsame
Kombination aus dem schon unangenehm oft gehoerten Kommentar,
dass man so Personen wie mich in der Bibliothek brauchen wuerde,
und gleichzeitig dem Erleben einer Kultur, die wenig offen war
fuer die kulturelle Andersartigkeit eines Nicht-Bibliothekars.
Man will scheinbar Informatiker die aber so sind wie
Bibliothekare ... oder man will einfach nur Programmiermaschinen.
Nein, so funktioniert das nicht! -- Will man sich aendern, dann
muss man sich oeffnen; will man aber bleiben wie man ist, dann
darf man nicht hoffen, dass andere kommen (und bleiben).

Ich habe hier aus der Sicht des Informatikers geschrieben, weil
ich der nun einmal bin, aber das Problem gilt ebenso fuer andere
Kulturkreise ... und seien diese fremden Kulturkreise auch nur
Personen, die neue Ideen haben.

Die wissenschaftlichen Bibliotheken tun sich in meiner
Wahrnehmung deutlich schwerer mit neuen Ideen als die
oeffentlichen Bibliotheken. Dabei muesste man auch als WB keine
Angst haben, dass das Motivieren zu neuen Ideen, ihr Aufgreifen
und Ausprobieren gleich alles Etablierte stuerzen wuerde.

Hr. Schüles Impulsvortrag zu Beginn der Inetbib-Tagung war aus
meiner Sicht sehr passend. Er meinte, dass bei Entscheidungen zum
Web-2.0-Auftritt des Landes BW nicht etwa die ranghoechsten
sondern die juengsten Mitarbeiter das letzte Wort haetten. Was
fuer eine Einstellung! Und man bedenke, dass es hierbei um die
Oeffentlichkeitsarbeit des tendenziell eher konservativen Landes
BW geht. Das sollte doch etwa die Klasse sein, zu der sich WBs
zaehlen.

Wie waere es also, wenn die juengsten Mitarbeiter in der
Bibliothek bei neuen Ideen das letzte Wort haetten? Natuerlich
muesste man einen begrenzten Resourcenrahmen abstecken innerhalb
dessen Neues ausprobiert werden kann, aber warum nicht genau das
tun? Und dann innerhalb diesen Rahmens den Jungen die Kontrolle
und Verantwortung geben ... nicht aber als Spielprojekt, sondern
richtig. Analog kann das auch beim Bibliothekartag gehen, mit
einem Track, den die Jungen unter Kontrolle haben, von Anfang
bis Ende. Da koennten dann auch z.B. diese Not-accepted-Vortraege
ihren Platz finden.

(Diese Idee, den ich gerade formuliert habe, zu aeussern, (und
ueberhaupt meine ganze Mail) fuehlt sich bei der auf der
Inetbib-Mailingliste vorherrschenden Kultur schon wie ein Wagnis
an. Personen, die weniger schrecklos sind als ich oder welche,
die Sorgen um die Reaktion ihrer Vorgesetzten haben, werden
solche Vorschlaege kaum machen ... und das scheint leider grosse
Teile der jungen Mitarbeiter zu betreffen.)


markus


P.S.
Ich formuliere anders, ich denke anders, ich kommuniziere anders,
mein Beitrag zum Bibliothekswesen ist ein anderer, ich habe
andere Beduerfnisse an mein Arbeitsumfeld, ich leide unter anderen
Problemen ... kurz: ich bin anders. Die Frage ist, wie ihr dazu
steht. Und noch mehr ist die Frage, was davon bei mir ankommt.

(Dabei geht es aber ueberhaupt nicht um meine Person.)


Listeninformationen unter http://www.inetbib.de.