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Re: [InetBib] Sci Hub, Fernleihe und Open Access



Lieber Herr Böttcher,


vielen Dank für Ihre Replik. Nur so kommt man weiter.


Eine interessante Gegenfrage darauf könnte lauten: wenn sie nichts dagegen 
haben, warum haben sie die Artikel dann a) nicht gleich auf eine Weise 
publiziert, die es der Allgemeinheit ermöglicht, auf legale Weise 
uneingeschränkt darauf zuzugreifen (bspw. auf der 
Basis von Open Access), sondern sind b) mit einem Verlag einen 
Publikationsvertrag eingegangen, in dem sie ihre Verwertungsrechte 
vollständig für die kommerzielle Nutzung abtreten. 

Vermutlich aus Unkenntnis, Karrierezwängen oder einer Mischung aus beidem.

Pacta sunt servanda - wenn man einen kommerziellen Publikationsweg wählt, 
darf man sich anschließend nicht darüber beschweren, dass dieser vom 
Vertragspartner (i. e. Verlag) auch in aller Konsequenz betrieben wird. Die 
Autoren haben es selbst in der Hand, auf 
welche Weise sie ihre Werke zugänglich machen, das ist hier schon mehrfach 
gesagt worden. Die Bibliotheken haben es - zum Teil - übrigens auch in der 
Hand, was sie kaufen und was nicht. Dass das ganze System trotzdem krank vom 
Kopf bis zu den Füssen ist, ist 
unbestritten. 

Meiner Meinung nach begrüßen Wissenschaftler es, wenn ihre Artikel OA 
bereitstehen, u.a. wegen der höheren Resonanz und Zitationszahlen, existiert 
aber kein angesehenes OA-Journal, publiziert man - den erwähnten Zwängen 
folgend - Closed Access, ganz einfach. Denn bei der Frage OA oder CA ist man 
promisk, an erster Stelle steht die Reputation des Journals, denn die ist für 
die Existenz relevant. 

Die Nutzung, Unterstützung und Bewerbung eines illegalen Verbreitungswegs 
vertraglich gebundener Werke kann und darf aber keine seriöse Antwort von 
Wissenschaft und Bibliotheken auf Fehler sein, die bei ihnen selbst liegen. 

Da sind wir soweit d'accord. Aber man sollte bedenken, dass Elbakyan, Swartz 
und andere Vertreter des Guerilla Open Access dessen Illegalität bestreiten/ 
bestritten. Da ich in meinem ersten akademischen Leben Soziologie war, muss ich 
auch ein bisschen soziologisieren:
a) Wissenschaftler werden auch in die Illegalität gedrängt, da die Normen 
(UrhG) nicht adäquat sind und nicht zu den Produktionsverhältnissen in der 
Wissenschaft passen. Klar könnte man jetzt sagen: alle wollen einen Maybach, 
sollen die rechtlichen Normen daher so geändert werden, dass jeder einen 
Maybach stehlen darf? Aber das Argument geht ins Leere, denn Wissenschaftler 
die Sci-Hub nutzen, stehlen (wenn das überhaupt der passende Ausdruck ist) nur 
Maybachs, da sie selbst Maybachs an die Verlage verschenken. Abweichendes 
Verhalten ist eben oft auch Ausdruck unpassender Normen, s. das auch von Marx 
behandelte Konstrukt des Holzdiebstahls.
b) Robert Merton, Wissenschaftssoziologe, postulierte schon vor zig Jahren, 
dass  wissenschaftliche Ergebnisse der gesamten Wissenschaft (und den Laien) 
zur Verfügung stehen müssen und dass in der Wissenschaft Eigentumsrechte an 
Gedanken - abgesehen von der Nennung der Urheberschaft - nicht bestehen. Merton 
würde Elbakyan und Swartz womöglich zustimmen.



Viele Grüße


Ulrich Herb


Listeninformationen unter http://www.inetbib.de.