Christoph Albers: 3. InetBib-Tagung vom 4. - 6.3.1998 in Köln
Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur virtuellen Bibliothek!
Vom 4. - 6.3.1998 fand an der Universität zu Köln nach Dortmund
1996 und Potsdam 1997 nun bereits schon die dritte InetBib-Tagung statt,
die in diesem Jahr unter dem Motto stand: "Weiter auf dem Weg zur
virtuellen Bibliothek! Kundenservice zwischen Quantität und Qualität".
Zu der Tagung, die sich aus der E-Mail Diskussionsliste Internet in Bibliotheken
(InetBib) entwickelte, konnte Dr. Hans Limburg (Direktor der USB Köln),
über 400 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet und dem benachbarten
Ausland in seiner Eröffnungsrede begrüßen. So einzigartig
wie die Entstehungsgeschichte ist wohl auch die Zusammenarbeit der vielen
an der Organisation beteiligten Institutionen: Universitätsbibliothek
Dortmund, Fachbereich Bibliotheks- und Informationswesen der Fachhochschule
Köln, Fachhochschulbibliothek Köln, StadtBibliothek Köln,
Universitäts- und Stadtbibliothek Köln und das British Council. Die gesamte Tagung wurde aus dem großen Hörsaal der Universität
zu Köln über MBone im Internet live übertragen. Wie groß
der Nutzen dieser Technik beim Einsatz derartiger Veranstaltungen wirklich
ist, läßt sich derzeit noch nicht abschließend beurteilen.
Die große Zahl der real erschienenen Teilnehmer legt indes die Vermutung
nahe, daß in bestimmten Situationen ein Gespräch von Mensch
zu Mensch doch durch nichts zu ersetzen ist. Insofern sind den Möglichkeiten
der Virtualität wohl doch Grenzen gesetzt. Jedenfalls war das Tagungsprogramm
überwiegend auf die Lösung praktischer Probleme und auf neue
Entwicklungen in Deutschland ausgerichtet. Sehr positiv: der Tagungsband
lag in einer ersten Auflage als Abstract-Band den Teilnehmern bereits schon
zu Tagungsbeginn vor. Dies erleichterte die Orientierung durch das Programm
und ersparte die ansonsten übliche, oft hektische Mitschrift von langen
und komplizierten Web- und Email-Adressen während der Vorträge.
Eine zweite, überarbeitete Auflage des Tagungsbandes mit allen Vorträgen
und Diskussionsbeiträgen kann über die
Ibkon-Leitseite bei der UB Dortmund bestellt werden. Zur
Information sollen nachfolgend die Kernaussagen der Vorträge wiedergegeben
werden. Dr. Beate Tröger (UB Dortmund, FH Köln) zeigte in ihrem Vortrag
"Nutzerforschung: bibliothekarische Marketingstrategie im Zeitalter
des Internet" auf, wie schwierig es selbst beim Einsatz modernster
technischer Hilfsmittel ist, gesicherte Erkenntnisse über seine Kunden
deren Nutzergewohnheiten und Nutzerbedürfnisse zu erhalten. Die Probleme,
wie Fragebogenformulierung, Bestimmung der Grundgesamtheit und Bestimmung
der Zielgruppe, sind dabei im Online-Zeitalter dieselben wie schon in früheren
Zeiten. Vor- und Nachteile der Online-Befragung sollten daher sorgsam gegeneinander
abgewogen werden. Dieter Bußmann und Dr. Roland Braun (MPIV Heidelberg) berichteten
in ihrem Vortrag vom Aufbau des "Virtuellen Instituts" am Max-Planck-Institut
für öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg. Die
erste Evaluation wurde mit ausgewählten Nutzern elektronisch durchgeführt,
d.h. mit Hilfe einer Mailingliste, einem Webfragebogen und einer statistischen
Analyse der Abfragen und der Navigation innerhalb des WWW-Angebots. Das
Konzept des "Virtuellen Instituts" basiert dabei auf der Vorstellung
des "extern arbeitenden Mitarbeiters", der entweder zum Institut
gehört und sich zur Zeit nur nicht am Ort befindet oder zu einem anderen
Institut gehört, aber wissenschaftliche Beiträge liefern möchte.
Die Kooperation läuft behutsam über drei Stufen:
Ariane Iljon (Europäische Kommission, DG XIII/E-4, Luxemburg) stellte in ihrem Vortrag "Das europäische Bibliotheksprogramm: ein Überblick über vorhandene Ergebnisse und zukünftige Pläne" das Förderprogramm der Europäischen Union "Telematics for Libraries" vor. In dem Zeitraum von 1990-1998 hat es insgesamt 5 Aufrufe zur Einreichung von Vorschlägen gegeben. Hieraus resultierten insgesamt 83 Forschungsprojekte sowie 10 konzertierte Aktionen und begleitende Maßnahmen.
Die wichtigsten Ergebnisse des Förderprogramms, das inzwischen auch für Teilnehmer aus den Ländern Mittel- und Osteuropas (MOE-Länder) geöffnet ist, sind:
Im 5. Rahmenprogramm für Forschung und technologische Entwicklung der Europäischen Union wird es auch weiterhin ein Bibliotheksförderprogramm geben, allerdings erweitert auf die Bereiche Museen und Archive. Das hierfür relevante "Spezifische Programm" mit dem Titel "Nutzerfreundliche Informationsgesellschaft" soll Ende 1998 starten.
Die Kernaussage des von Prof. Dr. Hans-Christoph Hobohm (FH Potsdam) gehaltenen Vortrags mit dem Titel "Bibliothekarische Internet-Projekte in Deutschland: Qualität und Nutzerorientierung" lautete, daß der Erfüllungsgrad der üblichen Qualitätskriterien der Bibliotheken nichts über die tatsächliche Zufriedenheit der Nutzer aussagen kann. Denn die Nutzerzufriedenheit wird vor allem durch die subjektive Wahrnehmung des Nutzers bestimmt. Für die richtige Ermittlung des erreichten Qualitätsgrades wäre daher die Perspektive des Nutzers nötig, die die Bibliothek leider nur schwer völlig unvorbelastet einnehmen kann, so daß der Nutzer auch in Zukunft ein weitgehend unerforschbares und unbekannntes Wesen bleiben dürfte.
Der Vortrag von Dr. Jürgen Goebel (Frankfurt) mit dem Titel "Rechtliche Fragen der Internet-Nutzung" mußte wegen Erkrankung des Referenten leider ausfallen.
Prof. Dr. Ferdinand Melichar (VG Wort) ging in seinem sehr lebendig gehaltenen Vortrag insbesondere auf die folgenden Aspekte ein:
Uwe Stadler (UB Wuppertal) berichtete über den organisatorischen und technischen Stand sowie über erste Nutzererfahrungen zu dem Projekt "Elektronische Zeitschriften", bei dem 8 Universitätsbibliotheken in Nordrhein-Westfalen (Bielefeld, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Hagen, Münster, Siegen und Wuppertal) auf der Basis eines Konsortialvertrages mit dem Verlag Elsevier den online-Zugriff auf mehr als 1000 Zeitschriftentitel ab dem Erscheinungsjahr 1995 für ihre Nutzer ermöglichen (zu den Details dieses Vertrages siehe den Artikel von: Elisabeth Niggemann und Werner Reinhardt: 1000 Zeitschriften im Volltext elektronisch verfügbar. NRW-Bibliotheken und Elsevier: ein Konsortialvertrag. - in: Bibliotheksdienst 31 (1997) H.11, S. 2147-2150).
Dr. Alex. C. Klugkist (UB Groningen) zeigte in seinem Vortrag "Digitale Sammlungen in elektronischen Bibliotheken" am Beispiel des Projekts ELDORADOC an der Universität Groningen wie sich eine Universitätsbibliothek vor dem Hintergrund stetig steigender Publikationszahlen bei gleichzeitigem stetigen Anstieg der Preise für Zeitschriften-Abonnements zu einem elektronischen Verlag entwickeln kann wenn nicht sogar muß, wenn sie in Zukunft noch existieren möchte.
Dr. Oliver Obst (ULB Münster) demonstrierte den Teilnehmern am Beispiel der Literaturliste Internet wie kommerzielle Werbung in das Web-Angebot einer Universitätsbibliothek rechtlich unbedenklich und zum gegenseitigen Nutzen von Bibliothek und Online-Buchhandlung integriert werden kann. Der Vortrag erschien als Artikel im Bibliotheksdienst 32 (1998) Heft 4.
Michael Schaarwächter (UB Dortmund) beleuchtete in seinem Beitrag „InetBib: Psychologie der elektronischen Kommunikation ;-)" die besonderen Eigenheiten dieser neuen Kommunikationsform der "Diskussionsliste" im Vergleich zu den eher traditionellen Formen des Gedanken-, Meinungs- und Erfahrungsaustauschs wie Tagung, Vortrag, Sitzung, Zeitung oder Zeitschrift. Hierbei warb er bei den einen für mehr Toleranz und Gelassenheit und bei den anderen um mehr Selbstdisziplin um das insgesamt bislang sehr erfolgreiche Experiment InetBib nicht zu gefährden.
Graham Walton (University of Northumbria, Newcastle) stellte die Vorgehensweise
und die wichtigsten Ergebnisse aus dem eLib-Projekt IMPEL-2 vor, das mit
einer Laufzeit von zwei Jahren im März 1998 endete. In IMPEL-2 wurde
der zukünftige Strukturwandel in den Hochschulen mit seinen Auswirkungen
auf die Stellung der Bibliotheken untersucht. Hierzu wurden die folgenden
vier Studien zu einzelnen aber in Beziehung miteinander stehenden Bereichen
durchgeführt:
Bereich A: Langzeitstudie zu den Mitarbeitern in Bibliotheken
Bereich B: Studie zu den Nutzern der Bibliotheken
Bereich C: Studie zum ressourcenbasierten Lernen
Bereich D: Studie zur Weiterbildung und Personalentwicklung.
Die Ergebnisse dieser Studien wurden in Guidelines zusammengefasst.
Zum Abschluß der Vortragsreihe gab es mit dem Beitrag von Barbara Jedwabski und Jutta Nowak (beide UB Dortmund) zum Thema "Alte und neue Qualifikationen für die Zukunft" ein echtes Schmankerl für alle Bibliothekare, die auch ein wenig über sich selbst und ihr Berufsbild in der Öffentlichkeit lachen können. Der mit multimedialen Einlagen lustig und abwechslungsreich gestaltete Vortrag zeigte, daß in der heutigen Fortbildung einerseits zwar neue Kenntnisse und Fertigkeiten im Umgang mit neuen Medien vermittelt werden müssen, es andererseits im Grunde aber immer noch die alten Fähigkeiten wie Kommunikationskompetenz, Medienkompetenz und Fachkompetenz, sind, die einen guten Bibliothekar auszeichnen.
In der abschließenden Podiumsdiskussion unter dem Titel "Internet: Frischzellenkur für Bibliotheken?" versuchten unter der Leitung von Prof. Dr. Achim Oßwald (FH Köln) Dr. Horst Neißer (StadtBibliothek Köln), Dr. Cervelló-Margalef (Diözesanbibliothek Köln) und Hans-Joachim Wätjen (BIS Oldenburg) eine Bestandsaufnahme der derzeitigen Situation vorzunehmen und die sich daraus wahrscheinlich entwickelnden Tendenzen für Bibliotheken zu prognostizieren. Demnach befindet sich die gesamte Szene zur Zeit in einer Übergangsphase, in der die alten Medien noch nicht gänzlich durch die neuen verdrängt und ersetzt werden, sondern diese vielmehr nur ergänzen, so daß es zur Zeit im wesentlichen auf die Verbindung zwischen beiden ankommt, also den Schnittstellen zwischen den verschiedenen Medientypen. Doch selbst in Zukunft wird das gedruckte Papier seine Bedeutung als Informationsträger behalten, nur die elektronischen Medien werden noch mehr an Bedeutung gewinnen. Dies hat Auswirkungen auf viele Bereiche, z.B. gibt es schon jetzt den elektronischen Auskunftsbibliothekar (Reference Librarian), der anhand ausgefüllter WWW-Formulare externe Anfragen per email beantwortet. National müßten in Deutschland wohl die Strukturen der von der DFG geförderten Sondersammelgebiete der Bibliotheken den Erfordernissen elektronisch gespeicherter Publikationen angepaßt werden.
Nach der Podiumsdiskussion waren sich alle einig: Teilnehmer, Referenten, Moderatoren, Organisatoren, Aussteller und Sponsoren. Diese 3. InetBib-Tagung war ein Erfolg, der natürlich viele Väter hat:
Fazit: die 3. InetBib-Tagung 1998 in Köln war eine Fortbildungsveranstaltung, wie man sie sich besser kaum wünschen kann: perfekt organisiert, informativ und lehrreich in einer angenehm entspannten Atmosphäre. Freuen wir uns daher auf die 4. InetBib-Tagung, die vom 3.-6. März 1999 am BIS Oldenburg stattfinden wird. Einige Highlights wurden von Hans-Joachim Wätjen (BIS Oldenburg) schon verraten:
Ein Vorschlag von meiner Seite aus wäre, das Medium Internet nicht nur für die Abwicklung der organisatorischen Angelegenheiten (Tagungsprogramm, Anmeldung, Abstracts usw.) zu nutzen, sondern es vielleicht noch mehr für die inhaltlichen Fragen der Tagung einzusetzen. Denkbar wäre beispielsweise eine stärkere Interaktion (Fragen, Kommentare usw.) per E-Mail zwischen den Teilnehmern und den Referenten vor oder auch während der Tagung. Letzteres könnte vielleicht helfen, auch diejenigen Listenteilnehmer miteinzubeziehen, die nicht an der Tagung teilnehmen können.
Weitere Informationen zu den InetBib-Tagungen gibt es auf dem WWW-Server der UB Dortmund.
(veröffentlicht in: Bibliotheksdienst 32 (1998), H. 5)
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24.04.1998 |