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Zukunft des Bibliothekars



Liebe INETBIBler,

in die Diskussion um die Bewertung der Taetigkeiten des Fachreferenten
bringt Wolfgang Binder in seiner Mail vom 20.3.98 einen bedenkenswerten
neuen Gesichtspunkt, indem er kritisch anfragt, ob denn ein Berufsstand
ueberhaupt dazu berechtigt sei, ueber seine eigene Legitimation zu befinden
oder ob man dieses Urteil nicht dessen Klientel ueberlassen muesse. Also:
Muessten sich in unserem FAlle nicht eigentlich die Benutzer,
Wissenschaftler, Studenten u.a. in ihren Erwartungen und Anforderungen
auessern und daraus - falls wir noch fuer unentbehrlich gehalten werden -
unsererseits ein korrespondierendes Berufsbild abgeleitet werden?
Ich denke, so ist es Praxis in der Berufswelt, die dem freien Markt von
Angebot und Nachfrage unterliegt. BErufe, die nicht mehr benoetigt werden,
gibt es dort irgendwann nicht mehr. Im Bereich der oeffentlichen
Dienstleistungen, zu dem auch unsere Institutionen gehoeren, war dies in der
Vergangenheit vielleicht nicht immer so, aber auch hier wird in Zeiten
knapper oeffentlicher Haushalte (richtigerweise) die Frage nach der
Existenzberechtigung unseres BErufsstandes immer haeufiger gestellt.
Wir sollten uns von dieser Entwicklung ruhig einmal in Frage stellen lassen
(zumal uns auch nicht viel anderes uebrigbleiben wird), aber gleichzeitig
alles daransetzen, uns durch offensive Praesenz in das Bewusstsein unserer
Klientel zu bringen. Hat man wirklich schon ueberall in unserem beruflichen
Umfeld von unserer Existenz/Taetigkeit Notiz genommenD? Gibt es nicht immer
noch - ein Problem vor allem zweischichtiger Bibliothekssysteme - ganze
Institute und Fakultaeten, die nichts von der Existenz eines Fachreferenten
(bzw. unseres ganzen BErufsstandes) wissen? Kennt man ueberall den
Fachreferenten persoenlich und nicht nur aus telefonischen oder
E-Mail-Kontakten? Waehrend meiner Studienzeit wusste in Institut/Fakultaet
niemand etwas davon...

Ein Urteil von aussen ueber die Erforderlichkeit unseres Berufsstandes
koennte zum jetzigen Zeitpunkt verheerend ausfallen. Wir sollten uns daher
bemeuehen, in unserem beruflichen Umfeld wahrgenommen zu werden, nicht nur
indem wir einige Buecher und Zeitschriften erwerben, sondern durch aktive
Fachinformation und Benutzerschulungen in den Fakultaeten, damit wir durch
Kompetenz unverzichtbar werden. Dann koennen unsere Benutzer, so wie Bender
das fordert, getrost ueber unsere Daseinsberechtigung befinden.
Das erfordert vor allem eine Verlagerung der Gewichtung unserer Taetigkeiten
von ueberhandnehmender interner Verwaltungstaetigkeit (Parkinson haette hier
und da sicher seine Freude), hinaus aus der Bibliothek in Richtung Klientel,
von einer Binnenorientierung zu mehr Aussenorientierung. Welche Ausbildung
legitimiert eigentlich unsere Verwaltungstaetigkeiten, die akademische doch
wohl nicht? Dies auch zu den BEfuerchtungen, ein studierter Biologe koenne
von vornherein kein kompetenter Fachreferent fuer Geographie o.ae. sein.
Muessten dann nicht alle Bibliotheken ausschliesslich von
Diplombibliothekaren plus gehobenem VErwaltungsdienst gefuehrt werden? Wozu
haben wir 6 und mehr Jahre studiert? Um dann - ich ironisiere hier bewusst -
aus irgendwelchen Nationalbibliographien oder Prospekten einige
Neuerscheinungen auszuwaehlen, die eingegangenen Titel zu verschlagworten,
ihnen ggf. noch einen S0nderstandort zu geben, um sie dann in irgendwelche
Regale stellen zu lassen, wo sie hoffentlich ihre Benutzer finden? Ist das
die ganze Wissenschaft, fuer die man so lange studiert hat? Andererseits
sind wir wiederum sehr stolz darauf, zum Wissenschaftlichen Dienst einer
Universitaet gerechnet zu werden...

Wieder mehr Wissenschaft (als bloss Buecher zu kaufen und zu erschliessen)
und weniger Verwaltung tut not!


H.Oehling
Dr. Helmut Oehling
Universitaetsbibliothek Stuttgart
Tel. 0711/1213508
Fax  0711/1213502



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