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[OnT] Duden fuer Dummies



Zur 23. Aufl. des "Duden" (mit dem aufatmenden "endlich amtlich" auf der
Banderole) gab es schon harsche Pressestimmen, voran von T. Ickler letzten
Freitag fast ganzseitig in der FAZ.
Ganz schlecht ist die neue Ausgabe aber nicht, obwohl sie alle anderen seit
1996
erschienenen Wörterbücher entwertet. Was nebenbei nichts anderes heißt als:
"Die"
Reformschreibung gibt es nicht mehr. (Aber es gab ja eh schon die
Agenturschreibung, die ZEITschreibung, Bertelsmann, ...)

Man muß sich klarmachen: die Mannheimer wissen, daß sie ein Millionenspiel
betreiben, und sie sind keine Hasardeure, sondern Schlitzohren. Das Ergebnis
ist
deshalb janusköpfig: Neuschreiber merken sich nur "rot ist gut", Reformgegner
merken sich "Rot = Finger weg", dann haben beide, was sie wollen.
Naja, in manchen Fällen steht da NUR ein rotes Wort, wie z.B. "dass". Man
weiß
dann aber sofort, was los ist: hier liegt Neuschreibung vor, klassisch heißt
es
"daß". Man könnte also getrost "Duden für Dummies" draufschreiben; dieser
Zusatz
hat sich bei anderen Produkten als sehr verkaufsfördernd erwiesen.
Mannheim ist, kurz gesagt, selbst für den Extremfall des restlosen (nicht
"Rest
losen"!) Kippens der Reform bestens vorbereitet: man wird nicht auf einmal
mit
einem Ladenhüter dastehen (nicht "da stehen", das hat auch die Reform nie
erlaubt). Neue Banderole drum: "Ungültiges jetzt rotgedruckt!" - fertig.

Aber Scherz beiseite!
Dem Trend zur klassischen Schreibung kommt entgegen, daß vor allem bei der
Getrenntschreibung die Bevorzugung der neuen Variante aufgegeben wurde: beide
sind jetzt, und das wird ausdrücklich bestätigt, völlig gleichwertig:
  http://www.duden.de/neue_rechtschreibung/regelergaenzungen.html

Man findet nicht mehr "alte Schreibung: xyz", sondern jetzt "auch: xyz".
Gleiches gilt für die Varianten mit ph und f, und hier wird's für uns sehr
relevant: "Bibliografie" ist nicht mehr die Vorzugsschreibung,
"Bibliographie"
ist gleich gültig!
  http://www.duden.de/index2.html?neue_rechtschreibung/crashkurs/regel7.html
Welche man nimmt, ist damit gleichgültig. (Dieses Wort war von der Reform
unberührt, getrennte Schreibung gleichwohl (nicht "gleich wohl"!) manchmal
brauchbar.)
Dahinter steckt: man hat gemerkt, dass getrennte Schreibung manchmal den Sinn
verändert oder gar ein notwendiges Wort vernichtet ("viel versprechende
Politiker"). Diese Einsicht wird zwar nicht zugegeben, das fällt offenbar
schwer.
Die Rehabilitierung der Zusammenschreibung ist jedoch so kommentarlos wie
umfassend erfolgt. Auch die nicht-Wörter sind wieder erlaubt: z.B.
"nichtrostend,
nichtleitend". Und viele Alt-Schreibungen stehen sogar ohne "auch:" neben den
Neuschreibungen: aufwendig, selbständig, sogenannt, ...

Aus diesem Grunde ziehe ich den vor einer Weile ausgesprochenen Vorschlag
zurück,
alle fortlaufenden Sammelwerke, die "...bibliographie" im Titel haben, nun
umzubenennen auf "...bibliografie".

MfG B.E.

Den Salat haben wir im übrigen dennoch. Es *gibt* sie inzwischen, die
Buchtitel
mit "Differenzialrechnung" u. dgl. Es hätte sie nicht geben müssen.



Bernhard Eversberg
Universitaetsbibliothek, Postf. 3329,
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