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Re: Internetarbeitsplätze in Bibliotheken (lange Ant wort)



Lieber Herr Steinmetz, liebe Liste,

in der Tat sind das knifflige Fragen. Ich möchte einerseits direkt darauf antworten und andererseits darauf hinweisen, dass es für die angesprochenen Schwierigkeiten bei der Gratwanderung zwischen großzügigem Internetangebot und großartigem Sicherheitsrisiko und nicht vertretbarem Wartungsaufwand auch einige Lösungsmöglichkeiten gibt.


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PDF-Dateien, die mit dem Acrobat-Reader geöffnet werden, sind neben den Standard HTML-Seiten wohl eines DER Hauptformate für Text im Internet. Daher ist es grundsätzlich nicht zweckmäßig, einen Internetarbeitsplatz anzubieten, auf dem das Lesen von PDFs nicht möglich ist.
Mit DOC-Dateien ist es etwas anders, denn es ist glücklicherweise eher die Ausnahme, dass Word-Dokumente als online-Quellen zur Verfügung stehen; gleichwohl kommt es vor, und gerade im eMail-Verkehr dürften sie DAS Attachement-Format schlechthin sein. Sie ahnen bereits, dass Ihre Frage Nr. 1 die Problematik etwas unscharf angreift, denn während die PDF-Files ein übliches Format für die Bereitstellung von Bild- und Textmaterial im Netz ist (frei zugänglich), sind die DOC-Files eher ein Arbeitsmedium vornehmlich für reine Texte, die häufig als Attachements versendet werden (ist jedenfalls bei uns im philologischen Betrieb die Regel). D.h. es ist zunächst einmal eine grundsätzliche Unterscheidung nötig zwischen den Anwendungen Netzrecherche einerseits und Textverarbeitung andererseits.



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Weil es diese unterschiedlichen Anwendungen gibt - und mit jeder dieser Anwendungen sehr unterschiedliche Implikationen für Nutzungsrechte im Allgemeinen, für die Sicherheit der Systeme, für ihre Betriebssysteme und deren Profile und Softwarearchitektur entstehen, ist die Frage 2 nicht mit einem simplen Ja oder Nein zu beantworten. Wir sind nun eine recht große Fachbibliothek, die mehrere Institute bedienen wird, wenn sie am 14. September neu eröffnet. Dennoch halte ich unser Modell in Abwandlung auch für öffentliche Bibliotheken für gangbar: Wir betreiben mehrere Typen von Software- und Hardwareausstattungen an den Arbeitsplätzen, die wir unseren Nutzern zur Verfügung stellen.


- Es gibt pure Internetarbeitsplätze, in denen ein freies Navigieren gestattet ist unter der Voraussetzung, dass man sich zunächst als Bibliotheksbenutzer angemeldet hat. Je nach dem, wie Ihre Benutzungsmodalitäten sind, ließe sich das ja entweder völlig öffnen einerseits - oder aber durch den Benutzerausweis Ihres Hauses auch durch eine Authentifizierung sichern (letzteres erfordert aber Know-how und einen Server im Hintergrund). Auf solchen Systemen ist ein PDF-Reader installiert, so dass frei verfügbare PDF-Files ohne weiteres gelesen werden können. Es können auch Mail-Portale annavigiert werden, d.h. der Benutzer ist in der Lage, seinen Webmail-Account zu checken und auch Attachements herunterzuladen - das betrifft Attachements jeder Art. Sie können alles runterladen, aber nicht alles öffnen. Word-Dateien etwa können nicht betrachtet werden - und das mit gutem Grund. Solche Arbeitsstationen sollen nicht zu dauerbesetzten Arbeitsplätzen werden. Auf solchen Geräten sind bei uns ein Internet-Browser mit den nötigsten Plugins (Flash ohne Ton, JAVA) und ein PDF-Reader aktivierbar. Hardwaregrundlage sind bei diesen Arbeitsplätzen sogenannte Thin Clients (relativ dumme Terminals, die nur das nötigste an Bord haben und mit einem herstellereigenen Linux laufen, geht aber technisch praktisch auch mit jedem Standard-PC).

- Es gibt Internetarbeitsplätze, die wir mit der Hilfe des Rechenzentrums unserer Universitätsbibliothek über einen sog. Positivlisten-Proxy laufen lassen. D.h. dass ein Server bei der UB eine Liste derjenigen Bibliotheksportale und -kataloge bereithält, die annavigiert werden dürfen, z.B. unser eigener OPAC, dann KVK, KOBV, GBV, StabiKat usw. An solchen Arbeitsplätzen können Sie NICHTS als Katalogrecherche machen. Diese Plätze sind frei zugänglich und erfordern kein Passwort. Solche Applikationen ersetzen beispielsweise den alten offline-Zettelkatalog langfristig und haben gegenüber anderen Arbeitsplätzen den Vorteil, dass sie von den Nutzern nicht länger besetzt werden als deren Katalogrecherche dauert, weil ohnehin nichts anderes geht. Sie erinnern sich sicherlich an die in vielen Bibliotheken auch sicherlich noch eingesetzten unverwüstlichen uralt-ASCII-Terminals, die mit umständlichen Tastenfolgen das Recherchieren des Bestands ermöglichen. Letztlich ist das nichts anderes, nur dass die heutigen Geräte grafische Oberflächen und modernes look&feel in der Bedienung bieten. Außer dem Browser (Mozilla) ist alle andere Software deaktiviert - das gilt auch für den Acrobat Reader. Auch hier ist die Hardwaregrundlage der o. g. Thin Client.

- Wir bieten zusätzlich zu diesen beiden Arbeitsplatztypen noch ein Kontingent an Plätzen an, die mit kleinen Workstations ausgestattet sind. Diese Geräte bieten im Wesentlichen alles, was auch ein normaler Desktop-PC bietet. Freie Internetrecherche inklusive PDF-Reader, MS Word ist hier installiert, die von Ihrem Arbeitsplatz-PCs gewohnten Funktionalitäten finden Sie hier 1:1 wieder. Voraussetzung ist in unserem Hause jedoch, dass die Bibliotheksbenutzer ein Nutzerkonto beim Hochschulrechenzentrum haben; über dieses Konto nämlich können Sie sich an einer solchen Station einloggen und frei über die Rechner verfügen. Die Software wird hier von einem Softwareverteilungssystem des Rechenzentrums zur Verfügung gestellt. Sowas lässt sich aber notfalls auch lokal und mit weniger technischem Aufwand realisieren. Hardwaregrundlage ist in diesem Fall eine micro-Workstation, also ein vollwertiger PC in besonders kleinem Bauformat.


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Die Frage der Speicherung ist äußerst relevant im Zusammenhang mit der Wartung der Maschinen. Grundsätzlich ist es bei den Rechnern möglich, jede Datenform auf einem USB-Stick abzulegen. Es ist bei allen unseren Stationen auch möglich, Dateien während der aktuellen Sitzung auch auf den Rechnern selber abzulegen. Allerdings gehen die so abgelegten Daten beim Abmelden von der Maschine verloren - und dafür ist der Systemadministrator dankbar! Mein Tipp also: Ablegen von Daten auf den Arbeitsstationen: Ja. Ablegen von Daten auf USB-Sticks: Ja. Aber die User-Verzeichnisse sollten beim Abmelden oder Runterfahren am Abend automatisch gelöscht werden, damit kein Datenmüll entsteht.



Sie sehen, die von Ihnen gestellten Fragen führen zu einer ganzen Reihe von weiteren Fragen und die technischen Lösungen sind nicht immer ganz einfach umzusetzen. Wir haben für unseren Neubau mit der Planung dieser Arbeitsplatzarchitekturen bereits vor knapp zwei Jahren begonnen - und also könnte ich hier noch viele Seiten zu diesem Thema schreiben. Aber angesichts der Tatsache, dass die Dienstleistungsprofile, Anforderungen und Infrastrukturen öffentlicher Bibliotheken anders aussehen als die von wissenschaftlichen Bibliotheken und angesichts der Tatsache, dass Sie sich vermutlich für andere Aspekte mehr interessieren als ich es in diesem Moment erraten kann, belasse ich es erstmal dabei - und beantworte gerne weitere Fragen. ;-)


Herzliche Grüße,


Jonas Fansa.



--- Jonas Fansa Philologische Bibliothek Freie Universität Berlin Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin Raum KL 32 217 fansa@xxxxxxxxxxxxxxxxxx http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/phibib 030-838 52544


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