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Re: [InetBib] Bibliometrische Erfahrung gesucht



Lieber Kollege Kuhlen,

wenn Sie "wichtigeren Zeitschriften" schreiben, dann ist das insoweit richtig.

Oft wird ja auch nur auf "peer reviewed" eingeschränkt - was auch immer darunter verstanden wird. Was "wichtig" ist, folgt bezüglich der Zitation ja bekanntlich einem power law, so dass der
sog. long tail noch weit ausufert.
Da ich mich (und später auch Dr. Nourmohammadi in seiner Dissertation 
http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=986201944)
mal mit der Frage beschäftigt habe, was z.B. alles im SCI keine Berücksichtigung findet, bin ich persönlich der Meinung, dass die Zahl 100.000 sehr viel realistischer ist. Dabei darf man auch nicht vergessen, dass diese Zahlen bislang noch sehr stark auf die
westliche Welt beschränkt sind.

Meiner Ansicht nach musste das Bibliothekswesen der Welt dieses Publikationsaufkommen verkraften und wird dies auch in Zukunft mit 3,5% Wachstumsrate/J tun müssen. Dank der Digitalisierung
ist das z.Z. auch problemlos möglich.

Das erninnert mich daran, dass eine durchschnittliche Publikation grob geschätzt 50 Tsd. Euro kostet, Deutschland sich aber seit Jahrzehnten nicht dazu in der Lage sah, 50 Euro für die Dokumentation dieser Publikation aufzubringen. Was dazu führt, dass wir in den meisten Datenbanken vorwiegend amerikanische Ergebnisse rascher und vollständiger finden. Insofern haben Sie völlig Recht, dass Wissenschaft weitaus
mehr kostet (etwa das Tausendfache).

Das, was oft unter "wichtigeren Zeitschriften" verstanden wird, entspricht nicht gerade den deutschen Interessen. (Ist NfD / IWF wichtig?) Wie Sie wissen bin ich sicher kein ewig gestriger Nationalist, aber jede moderne Firma, betreibt heute Wissensmanagement, und das bedeutet auch, dass ein Land das Recht hat, bevor es sein Wissen weltweit publiziert, dieses vorher intern zu diskutieren und zu verifizieren. Dies geschieht nicht selten
im sog. long tail Bereich.


MfG

W. Umstätter


On Nov 17, 2008, at 9:44 AM, Rainer Kuhlen wrote:

Lieber Herr Umstaetter
das sind doch recht unsichere Zahlen. Man geht von etwas 25.000 wichtigeren Zeitschriften aus. Selbst wenn man die Proceedings von Konferenzen u.ä. dazu rechnen würde (was Sinn macht), dann kommt man kaum auf mehr als 2.5 Mio - übrigens eine Zahl, von der auch Steven Harnad als Potenzial für den OA-Green-Ansatz ausgeht. Ich möchte auch deshalb bei dieser "niedrigeren" Zahl bleiben, weil sich dadurch durchaus die realistische Chance eröffnet, dass die Öffentlichkeit (weltweit) die Kosten für deren Publikation (im golden Modus) aufbringen könnte (sind ja "nur" 7.5 Mrd $ . also ein Bruchteil dessen, wass Wissenschaft insgesamt kostet). Dazu vielleicht ein anderes Mal mehr. All das tangiert natürlich Ihre weiteren Aussagen nicht.
RK

Walther Umstaetter schrieb:
Ich denke, dass die Aussage in dieser Form nicht verfizierbar ist. Was vermutlich dahinter steckt ist aber ein richtiger Kern. Wenn wir davon ausgehen, dass rund hundert Millionen Wissenschaftler weltweit taetig sind, die pro Jahr etwa 100 Mio. Artikel schreiben, dann kann jeder einzelne Wissenschaftler, der etwa 10.000 Publikationen jaehrlich ueberfliegt, nur ein sehr eingeschraenktes Fachgebiet im Auge behalten. Wirklich lesen (studieren) tut er von den 10.000 Publikationen ohnehin nur etwa 1%. Diese Verhaeltnisse ergeben sich teilweise auch daraus, dass ein druchschnittlicher Wissenschaftler etwa zwanzig Prozent seiner Arbeitszeit fuer das Literaturstudium aufbringt. Da wir aus Zitationsanlysen wissen, dass die Nutzung der Literatur einem sog. power law folgt, werden einige Publikationen tausendfach gelesen und andere fast gar nicht. Auf lange Sicht gibt es trotzdem relativ wenig "uncited literature". Womit noch nichts ueber die Qualitaet gesagt ist. Die naechste Frage ist, was ist "frisch erschienen". Auch wenn die neuste Literatur mit einer Halbewertszeit von etwa einer Woche erstmals zur Kenntnis genommen wird, erfordert es eher eine Halbwertszeit von 5 Monaten, dass sie auch wirklich gelese wird. Erst danach kommt es ueber das Zitierverhalten zu einer noch intensiveren Nutzung mit einer Halbwertszeit von 5 Jahren. (http://www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/pub18.html ) Dass die alte Gewohnheit der Verschickung von Sonderdrucken sehr sinnvoll war, und den Vorteil hatte, dass sich die Empfaenger verpflichtet fuehlten, solche Zusendungen auch wirklich zu lesen ist sicher richtig. Aber seit es Kopierer gibt ist dieser Usus weitgehend ausgestorben. Darueber hinaus empfinden es heute immer mehr Empfaenger eher als zusaetzliche Belastung, wenn sie Links (wie Reklame) von anderen Autoren erhalten, deren Inhalt sie lesen sollen. Dass aber die Wahrscheinlichkeit gelesen zu werden mit der "Accessibility"zunimmt, steht sicher ausser Frage. Das belegt ja auch der Impact Factor. Insofern ist es auch wichtig, in welcher Zeitschrift publiziert wird, um gelesen zu werden.
MfG
W. Umstaetter
On Thu, 13 Nov 2008 11:49:36 +0100, hher <hans-joachim.hermes@xxxxxxxxxxxxxxxxxxx > wrote: Liebe Kolleginnen und Kollegen, Prof. Hans GOEBL. Universität Salzburg - Fachbereich Romanistik, Lehrstuhl für französische und italienische Sprachwissenschaft, stellte mir knifflige bibliometrische Fragen, die ich Ihnen sehr gern weiterreiche: "Ich habe einmal in einer Diskussion gehört, daß es Messungen gebe, denen zufolge ein x-beliebiger Aufsatz (frisch erschienen) in einem gängigen Journal einer Disziplin nur eine relativ kleine Anzahl von Lesern findet (deutlich unter 10), während derselbe Text als persönlich verschickter Sonderdruck eine größere Anzahl an Lesern findet. Was ich bislang nicht gefunden habe, ist jene bibliometrische Fachliteratur, wo man solche Untersuchungen nachlesen kann. Können Sie mir diesbezüglich weiterhelfen?" Hans.Goebl@xxxxxxxxx Wir hoffen auf recht viele Äußerungen! Dank im voraus HJH -- Dr. Hans-Joachim Hermes Anglistische Literaturwissenschaft Reichenhainer Str. 41 09126 Chemnitz Tel. 0371-531-34471 mobil 0172-3714149 Fax 0371-531-834471 hher@xxxxxxxxxxxxxxxxxx

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ISI 2009 - http://www.isi2009.de/

Prof. Dr. Rainer Kuhlen
Department of Computer and Information Science
University of Konstanz, Germany

German Chair for Communications of the UNESCO (ORBICOM)
Speaker of the Coalition "Copyright for Education and Science"
http://www.urheberrechtsbuendnis.de/

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