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Re: [InetBib] Elektronischer Leseplatz und Recht auf Privatkopie





Matthias Ulmer schrieb:

Ich hätte aber an alle Diskutanten eine andere Frage:
Lassen wir das juristische Thema mal beiseite und nehmen an, das ist
alles rechtens. Und gehen wir davon aus, dass Bibliothekare und Verleger
das Interesse teilen, dass gute und aktuelle Lehrbücher für Studenten
bereit stehen. Meine Frage: wie stellen Sie sich das vor, wenn alle
Lehrbücher von den Bibliotheken eingescannt werden und Studenten sich
diese downloaden können. Wie soll da die Konzeption und Produktion durch
Autoren, Verlag, Grafikern, Setzern usw. finanziert werden? Ein neues
Lehrbuch kostet im Bereich Naturwissenschaften mindestens 50.000 Euro.
Als Verleger sehe ich nicht, wie die dafür notwendige Auflage unter den
Darmstädter Bedingungen noch erreicht werden sollen. Wenn man das
Angebot durch die Bibliothek aber für wünschenswert hält, dann muss man
doch eine Vision haben, wie ein hohes Qualitätsniveau und breites
Angebot an Lehrbüchern dann entstehen soll.

Es würde mich interessieren, welche Visionen Sie dafür haben.

Ich stelle mir vor, daß die Universitäten die Produktion ihres
Lehrmaterials vollständig selbst übernehmen und die Verlage
infolgedessen wegfallen werden. Dafür stehen die Werke der
Öffentlichkeit frei zur Verfügung, denn die hat sie ja auch mit
Steuergeldern bezahlt, indem sie beispielsweise den Professoren, die ein
Lehrbuch schreiben, genügend Zeit und Mittel zur Verfügung stellt. Ist
doch gar nicht einzusehen, daß sich ein Verlag daran auch noch eine
goldene Nase verdienen sollte.

Und ich glaube nicht, daß das Abendland dadurch untergehen wird.

Die Verlage haben sich diese Entwicklung zu einem Gutteil selbst
zuzuschreiben. Die Preise für Veröffentlichungen sind einfach zu hoch.
Von meiner Diss her kann ich ein Lied davon singen. Wenn ich es in
meinem Fach -- Jura -- einmal betrachte, trauere ich zwar der Zeit der
großen Lehrbücher sehr nach. Aber die Preispolitik gerade bei der
studentischen Literatur ist bei jährlichen Neuauflagen vielfach beim
besten Willen nicht mehr nachvollziehbar. Und nun stellen die Verlage
fest, daß ihnen nach und nach die Kunden davonlaufen, auch der Palandt
verkauft sich nicht mehr so gut wie früher, und Online-Dienste aktuell
zu halten, ist ja viel teurer als eine Neuauflage gedruckter Quark pro
Jahr. Und nun kommt noch das neue Urheberrecht. Und jetzt ist das
Jammern groß, gehe jedes Jahr auf die Buchmesse und höre mich dort um,
es tut sich schon einiges... freie Rechtsprechungsdatenbanken werden
immer umfangreicher, juristische Blogs und Mailinglisten bieten oft mehr
als die gerade noch bezahlbaren Kommentierungen und Zeitschriften...
viele Kollegen leben nur noch mit gesetze-im-internet.de und den
jeweiligen landesrechtlichen Online-Sammlungen... und jetzt bloggt und
twittert C.H.Beck auch schon...

Soweit meine Vision.

Jürgen Fenn.



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