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Re: [InetBib] Bibliothek blockiert Wikileaks



Lieber Herr Delin,

ich wollte mich hier nicht zu einem Plädoyer für irgendeine Art der Zensur
aufschwingen. Und ohne Zweifel ist es ein nachgerade lächerlich Sinnloser
Vorgang den Zugang zu Wikileaks in einer Bibliothek zu sperren, wenn er
überall sonst problemlos zu haben ist. Das eigentliche Problem stellt hier
letztlich tatsächlich die Unsicherheit solcher Informationen an der Quelle
dar.

Es geht mir auch nicht um eine 'Giftschrank-Politik', wobei die
Informationen die Wikileaks liefert ohnehin wohl kaum zu solchem Material zu
zählen wären. Vielmehr halte ich es eben für etwas einseitig das angeblich
so große Verdienst, das diese Plattform der Meinungsfreiheit im Namen der
Demokratie leiste einfach unkritisch gegen jegliche politische Realität zu
bejubeln (Was genausowenig bedeutet die gegenwärtig so stark forcierte
Sicherheitspolitik und all die damit einhergehenden gesetzlichen Eingriffe
und Einschränkungen von Rechten, die gewiss nicht zurückgedreht werden, wenn
die Lage sich beruhigte, einfach abzunicken). Darauf habe ich versucht
hinzuweisen, vor allem durch Erinnerung an die Leaks vom Sommer Afghanistan
betreffend.

Mit freundlichen Grüßen,
Volker Gross

Am 11. Dezember 2010 14:39 schrieb Delin, Peter <delin@xxxxxx>:

Lieber Herr Gross,

Sie haben schon recht, eine solche über 200 Jahre alte Bibliothek
verliert ihr Renomée nicht durch eine solche Fehlentscheidung. Solche
Bibliotheken stehen immer auch über den Zeitläuften. Es ist das leitende
 Personal, das in dieser Sache versagt hat, hier also James Billington.
Er sollte sich öffentlich dafür entschuldigen, dass er vor der
Staatsmacht eingeknickt ist.

Was macht die LoC eigentlich, wenn ein Kongressabgeordneter von seiner
Bibliothek Recherchen im Material von Wikileaks für eine spezielle
politische Frage erbittet. Gehen die Mitarbeiter der Bibliothek dann in
das nächste Internetcafe um die Ecke oder beantragt James Billington
eine Ausnahmegenehmigung im Weißen Haus?

Weltweit wird das Material von Wikileaks diskutiert, aber das Publikum
der zweitgrößten Bibliothek der Welt soll keinen Zugang dazu haben? Auch
wenn das Material illegal veröffentlich wurde, es ist in der Welt und
jede(r) muss sich eine Meinung in dieser Diskussion bilden können, die
rund um den Globus stattfindet. Die Globalisierung vewandelt die Welt in
ein Dorf, Supermächte machen Weltpoltik und Wikileaks trägt dazu bei,
dazu eine passende globale Öffentlichkeit zu schaffen - m. E. ein
Beitrag zur Gewaltenteilung. Heiliger Graf Montesquieu!

Am Eingang der Bibliothek, in der ich hier sitze, ist folgendes Zitat
angebracht. "Die Gründung beruht auf der unbegrenzten Freiheit des
menschlichen Geistes. Denn hier scheuen wir uns nicht, der Wahrheit auf
allen [!] Wegen zu folgen und selbst den Irrtum zu dulden, solange
Vernunft ihn frei und unbehindert bekämpfen kann."  (Thomas Jefferson,
dritter Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in einem Brief an
seinen Freund William Roscoe in Liverpool.Die Briefstelle bezieht sich
auf die Gründung der Universität von Charlottesville, Virginia)
Jeffersons Privatbibliothek bildete übrigens der Grundstein für die LoC.

Der Internetzugang in unserer Bibliothek ist ab 18 Jahren frei und
ungefiltert, auch für die Einsicht in illegal publiziertes Material.
Sollen wir stattdessen das ganze Web zunächst nach Geheim
klassifizierten Dokumenten durchsuchen, bevor wir den Zugang öffnen? Das
ist wohl absurd und wird auch von niemandem gefordert.

Eigentlich geht uns diese Sache in den USA ja nichts an. Aber es ist gut
sich darüber verständigen, wie die eigenen Bibliotheken in einer solchen
Situation handeln sollten.

Beste Grüße
Peter Delin

Volker Gross schrieb:
so schnell verliert sich also das Renomée...

So kritisch es scheinen mag, dass die Library of Congress den Zugang zu
Wikileaks blockiert, ist sie doch an die geltenden Gesetze gebunden und
das
Argument, dass als Geheim klassifizerte Dokumente nicht durch ihre
unautorisierte Verbreitung öffentlich werden. Die Rechnung, die nur das
Entweder-Oder von Nationaler Sicherheit und Informationsfreiheit kennt
geht
nicht auf.
Die Frage nach Zensur, die in diesem Zusammenhang aufgeworfen wurde,
sollte
in ihrer moralischen Selbstherrlichkeit zugleich in Erwägung ziehen, dass
die Veröffentlichungspraxis von Wikileaks durchaus auch eine akute
Gefährdung für Unschuldige bspw. im Irak bedeutet hat.


Am 10. Dezember 2010 14:12 schrieb Delin, Peter <delin@xxxxxx>:

aus dem Library Journal:


http://www.libraryjournal.com/lj/communityacademiclibraries/888367-419/library_of_congress_blocks_wikileaks.html.csp

... also nichts mit dem neuen Journalismus von Julian Assange (erst die
Kommentare in der Zeitung lesen und dann die Quellen selbst studieren) -
jedenfalls nicht in der einstmals so renommierten Library of Congress.

Beste Grüße
Peter Delin

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