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Re: [InetBib] Beitrag zur aktuellen Bibliotheksdebatte



Lieber Christoph, liebe Community,

die Debatte über die Konsequenzen des "digitalen Wandels" für die
Bibliotheken empfinde ich als weitgehend steril. Ich habe den Eindruck,
dass seit Jahren immer am gleichen (geistigen) Zaun entlang gerannt wird.
Das hat m. E. viel mit inzwischen fest etablierten Sprachregelungen und dem
leichtfertigen Gebrauch von (großen) Worten zu tun.

Um das einmal kurz - schließlich ist heute Sonntag - zu demonstrieren:

*CD: Wir erleben im Moment nicht den Untergang, sondern die Renaissance des
gedruckten Buches und vieler anderer analoger Medien. Dies geschieht aber
nicht als Gegenbewegung zum digitalen Raum, sondern als Element eines
bewussten, individuellen Prozesses der Selbstinszenierung.*

Nein. Das mag für Vinyl stimmen, aber nicht für das Buch. Warum drucken
Studierende Skripte aus? Warum werden wissenschaftliche (vor allem
Lehr-)Bücher mit Vorliebe als Print gelesen? Weil es schlicht praktisch
ist. Es ist viel einfacher zu handhaben, es kann vor- und zurückgeblättert
werden, mal kann anstreichen, Notizen hineinschreiben etc. All das geht
auch digital, ist aber viel aufwendiger und mühsamer zu verwalten. Man
verliert viel schneller den Überblick. Das hat mit einer banalen Sache zu
tun: ein Buch ist dreidimensional. Der Übergang von der Schriftrolle (auch
ein Display ist zweidimensional) zum Codex erleichterte es deutlich, eine
Ordnungsstruktur darzustellen. Hinzu kommt, ein "Buch" (auch wenn es
digital vorliegt) ist ja nicht einfach "Information", es wählt Quellen aus
und bereitet sie auf, strukturiert, analysiert und argumentiert etc. Das
alles unter dem Hohlwort "Information" zu subsumieren führt in die Irre und
in letzter Konsequenz zu einem massiven "Informationsverlust".

*CD: Immer mehr Lehrer suchen intensiv nach Wegen, digitale Medien im
Kontext von Bildung zu nutzen. Hier ist längst verstanden worden, dass das
Internet voll von relevanten Informationen ist,...*

Eben nicht. Wir haben an der Schule kein "Zugangsproblem", wir haben ein
"Verarbeitungsproblem". Es geht hier um Wissenserwerb und der findet nicht
automatisch beim Zugriff auf "Information" statt, sonst gäbe keine Didaktik
und keine Lernpsychologie. Ob der Einsatz digitaler Kanäle
Wissensfortschritte bringt, hängt von ganz vielen Faktoren ab, wobei die
technische Ausstattung das geringste Problem darstellt. Hier wird noch viel
Arbeit, besonders in der Fort- und Ausbildung der Lehrenden zu leisten
sein.

*CD: Es geht darum, den digitalen Wandel zu wollen und daraus
digital-analoge Lebens-, Kultur- und Bildungsrealitäten zu entwickeln.*

Das sind genau die großen Worte, die ich fürchte. Wie sollen wir in unseren
Bibliotheken "analog-digitale Lebensrealitäten" entwickeln? Was soll das
sein?



Mit freundlichen Grüßen

Jochen Dudeck
Stadtbücherei Nordenham
An der Gate 11
26954 Nordenham
04731 923210

http://www.stadtbuecherei-nordenham.de
Blog: http://nordenhamerbuecherei.wordpress.com

Am 13. Februar 2016 um 16:05 schrieb Christoph Deeg <
christoph.deeg@xxxxxxxxxxxxxx>:

Liebe Liste,

da ich in den letzten Jahren mit einer Vielzahl an öffentlichen
Bibliotheken arbeiten durfte, habe ich mir erlaubt, ebenfalls einen
Kommentar zu dem Interview in der NZZ zu schreiben. Sie finden ihn
hier:
http://christoph-deeg.com/2016/02/13/quo-vadis-oeffentliche-bibliotheken-gedanken-zum-nzz-interview-von-rafael-ball-eth-bibliothek/

Beste Grüße


Christoph Deeg
--
Christoph Deeg
Social Media - Social Media Risk - Gamification - Digitale Strategien
Neusser Wall 16
50670 Köln
Tel.: +49(0)157-73808447
Mail. christoph.deeg@xxxxxxxxxxxxxx
Web: www.christoph-deeg.de
--
Das Buch zum Thema "Gaming und Bibliotheken":
http://tinyurl.com/gaming4bibs



Am 12. Februar 2016 um 12:12 schrieb Mumenthaler Rudolf
<Rudolf.Mumenthaler@xxxxxxxxxx>:
Liebe Liste

Ich danke für die Aufmerksamkeit und vielen Rückmeldungen auf meine
erste Replik. Gerne nutze ich die Liste nochmals, um auf einen weiteren
Beitrag von mir zu verweisen, in dem ich einige Argumente zusammengefasst
habe. Er erklärt vielleicht, weshalb die sonst eher konsensorientierte und
ruhige Schweizer Bibliothekscommunity relativ heftig reagiert.

http://ruedimumenthaler.ch/2016/02/12/bibliotheksbranche-im-umbruch-und-in-aufruhr/

Freundliche Grüsse
Rudolf Mumenthaler


Rudolf Mumenthaler
HTW Chur, Schweizerisches Institut für Informationswissenschaft
Pulvermühlestrasse 57, CH-7004 Chur
Tel. +41 (0)81 286 37 19



Listeninformationen unter http://www.inetbib.de.