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Nordelbische Kirchenbibliothek - Kirchenbibliotheken in Gefahr



Dr. Thomas Stäcker (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel) hat einen
"Offenen Brief an Frau Bischöfin Jepsen zum Verkauf der Ahlefeldtschen
Sammung in der Nordelbischen Kirchenbibliothek (im Juni 2002)"
gerichtet, der auf der Seite des Landesverbands Niedersachsen/Bremen des
VdB dokumentiert ist:

Auszuege:

"Sehr geehrte Frau Bischöfin Jepsen, 
in meiner Eigenschaft als Vorsitzender des Vereins Deutscher
Bibliothekare - Landesverband Niedersachsen/Bremen wende ich mich in
einer
    Angelegenheit an Sie, die mich mit größter Besorgnis erfüllt. Wie
Sie sicher wissen, haben die von der Nordelbischen Kirchenbibliothek
durchgeführten
    Verkäufe und insbesondere die Teilauflösung der Ahlefeldtschen
Bibliothek erhebliche Unruhe nicht nur im engeren Kreise von
Bibliotheken, sondern auch
    der wissenschaftlichen Fachöffentlichkeit ausgelöst. Nach Gesprächen
mit Dr. Stüben und anderen Beteiligten bin ich zwar erleichtert, dass
die Verkäufe
    gestoppt wurden und man sich nun bemüht, Bestände gezielt
Bibliotheken anzubieten, so insbesondere dem Fachbereich Evangelische
Theologie der
    Universität Hamburg, der SUB Hamburg, der HAB Wolfenbüttel oder auch
der SUB Göttingen. Gleichwohl bleibt die Bedrohung für den Bestand vor
dem
    Hintergrund einer drastischen Reduzierung der Magazinfläche und
Mittelzuwendungen für Unterhalt und Pflege real. Es steht zu befürchten,
dass für die
    regionale und überregionale Forschung und breitere Öffentlichkeit
wichtige Quellen in den Antiquariatsmarkt abfließen. 

[...]

Es ist gerade die "schriftorientierte" evangelische Kirche, der im
Bereich der Bibliotheken eine besondere Verpflichtung zufällt, und es
ist, gelinde gesagt,
    unverständlich, wenn diese Tradition oder die Schriften, die sie
vermitteln, durch eine "sachkundige" Unternehmensberatung in der
Nordelbischen
    Kirchenbibliothek zu totem, abzustoßendem Kapital disqualifiziert
werden, um mit dessen Hilfe einen Umzug oder andere ephemer wichtigen
Dinge zu
    bezahlen. Es wird hier eine Grenze überschritten, die in unseren
Augen inakzeptabel ist: das alte Buch, die Quellendokumente in
öffentlichen Einrichtungen,
    zu denen auch die Kirchen zählen, ist keine Handelsmasse und kein
totes Kapital, es gehört, verzeihen Sie mir das Pathos an dieser Stelle,
im Gegenteil zum
    wichtigsten Kapital, das wir besitzen, ohne das auch Kirche,
Gesellschaft und Wissenschaft, keinen Bestand und keine Zukunft haben. 
    Ich möchte Sie daher aufrufen, sich gerade vor dem Hintergrund der
Veräußerungen in der Nordelbischen Kirche der eigenen Tradition und der
    Verpflichtung zur Pflege und Bewahrung der eigenen Geschichte zu
erinnern und sich einer Entwicklung entgegenzustemmen, die zentrale
Bereiche unseres
    kulturellen und wissenschaftlichen Lebens ökonomisiert und
entwertet. Wir möchten Sie bitten, sich für die kirchlichen Bibliotheken
und das Erbe, das sie
    bewahren, einzusetzen und Verkäufe aus vordergründig ökonomischen
Interessen unterbinden zu helfen. [...]"

Diese klaren und deutlichen Worte sind voll und ganz zu begruessen.

Hier nochmals der Link zum Spendenaufruf von Prof. Steiger:

http://www.theologie.uni-hamburg.de/fb/akt_aufruf.html

Ich schliesse noch einen eigenen Text zur Causa NEKB an.

Fatales Signal
Altbestandsverkäufe der Nordelbischen Kirchenbibliothek

Geschützt von starken Kirchenmauern trotzt ein spätgotisches Buchgewölbe
in Isny (Allgäu) den Zeiten. Es birgt seit dem 15. Jahrhundert die heute
denkmalgeschützte Predigerbibliothek der Nikolauskirche. Im bayerischen
Metten überwältigt den Besucher der Abtei dagegen ein grandioser
Bibliothekssaal, Wissenshort und barockes Welttheater zugleich. Alte
Kirchenbibliotheken: Nur wenige sind solche Touristenattraktionen. Wer
die terra incognita der deutschen Altbestandsbibliotheken in der
Trägerschaft katholischer oder evangelischer Institutionen durchmißt,
stößt selten auf spektakuläre Bibliotheksräume, aber auf eine
facettenreiche Vielzahl noch kaum erforschter Bücherstiftungen, die an
Ort und Stelle bewahrt wurden und gelegentlich sogar ins Mittelalter
zurückreichen. Entscheidend aber waren die Impulse von Reformation und
Gegenreformation, denn Bücher sollten - ob in lutherischen
Predigerbibliotheken oder katholischen Landkapitelsbibliotheken - für
die rechte Bildung und Ausbildung der Geistlichen sorgen. Als treibende
Kräfte des Bestandsaufbaus in der frühen Neuzeit sind häufig gelehrte
Pastoren und Kleriker auszumachen, die ihre Privatbibliotheken der
Allgemeinheit stifteten. Die kirchlichen Büchersammlungen galten
vielerorts zugleich als öffentliche Stadt- oder auch Schulbibliotheken,
die der örtlichen weltlichen und kirchlichen Elite zu Studienzwecken
offenstanden. Ihre Geschichte ist freilich immer auch eine Geschichte
herber Verluste, verursacht durch unsachgemäße Lagerung und mangelnde
Wertschätzung durch die Verantwortlichen. Die "Vernichtung der
Kirchenbibliothek zu Bernau" beklagte bereits 1793 die Berlinische
Monatsschrift mit bitteren Worten. Man hatte ein Jahr zuvor die meisten
alten Bücher, darunter seltene Frühdrucke, einem örtlichen Kaufmann als
Makulatur verkauft. Noch heute sind die vielen kleinen Sammlungen latent
gefährdet, zumal wenn eine angemessene Unterbringung nicht garantiert
werden kann. Nicht nur Wurm- und Mäusefraß nagen an ihnen, Diebstähle
und eigenmächtige Entfremdungen  tragen ebenso zum Schwund bei. Soweit
die Kirchenleitungen das Problem ernst nehmen, denken sie mehr und mehr
daran, die vor Ort kaum benutzbaren Altbestände in zentralen
Bibliotheken zusammenzuführen. Dort können sie, als eigenständige
Einheiten bewahrt, fachgerecht erschlossen und von der Forschung als
bemerkenswerte Quellen der Kirchen-, Kultur-, Bildungs- und
Gelehrtengeschichte ausgewertet werden. Der kirchliche Buchbesitz,
resümiert der Verfasser des Standardwerks zu den Kirchenbibliotheken Uwe
Czubatynski, sei "in seiner Gesamtheit nicht weniger wertvoll und
schützenswert als die historische Bausubstanz der Kirchen".

Was aber zählt die Tradition, wenn den Kirchen das Geld ausgeht? In
Hamburg haben die neuen Heilsversprechungen der Unternehmensberater, die
landauf landab von den Kirchenverwaltungen angeheuert werden, bereits zu
einem katastrophalen Aderlaß kirchlichen Kulturguts geführt. Seit dem
letzten Jahr sind unersetzliche Altbestände der Nordelbischen
Kirchenbibliothek in Hamburg (NEKB), zuständig für die lutherische
Kirche in Schleswig-Holstein und Hamburg, ohne großes Aufsehen in den
Antiquariatshandel gegeben worden. Die Kirchenleitung hatte den Ukas
erlassen, den Gesamtbestand der Bibliothek mit Blick auf einen in
einigen Jahren anstehenden Umzug zu halbieren. Dem Rat einer
Unternehmensberatung folgend, die Umzugskosten in Höhe von 20.000 Euro
aus "inaktiven" Beständen der Bibliotheken zu erwirtschaften, wurden
Werke aus dem kostbaren Altbestand hastig ausgesondert und - rechtlich
bedenklich - über die Firma eines Bibliotheksmitarbeiters diversen
Hamburger Antiquariaten angeboten. Die Kirchenleitung versucht nun,
diesen im neueren kirchlichen Bibliothekswesen beispiellosen
Traditionsbruch schönzureden oder als eine Art Betriebsunfall
darzustellen. Man habe mit größter Sorgfalt darauf geachtet, daß
Nordelbica und Bücher, die sonst nicht in Hamburg vorhanden seien,
verschont blieben. Von einem gewissenhaften Abgleich kann freilich keine
Rede sein. Das belegen nicht nur die exquisiten theologischen
Sammelbände des 17. Jahrhunderts, die ein Hamburger Antiquar kürzlich
preisgünstig feilbot. Ebenfalls ausgeschieden wurde zusammen mit einer
Menge anderer  lateinischer Drucke ein in Hamburg 1607 verlegtes Werk
von Philipp Nicolai  - es ist in der Staatsbibliothek nicht vorhanden!

Das der planlosen Aussonderungsaktion zugrundegelegte Doublettendenken
ist in der bibliothekarischen Fachdebatte ohnehin obsolet. Historische
Provenienzen (Herkunftsgemeinschaften) müssen als Gesamtheiten, als
beziehungsreiche Ensembles betrachtet werden. Selbst wenn sie keine
Besitzeinträge oder handschriftlichen Marginalien aufweisen, spiegeln
die im Handel aufgetauchten voluminösen Sammelbände aus Predigten und
theologischen Drucken in deutscher Sprache individuelle
Lektüreinteressen. Skandalöserweise vergriff man sich in Hamburg an
mindestens einer historisch gewachsenen Sammlung, der Ottilie von
Ahlefeldtschen Kirchenbibliothek aus Itzehoe (benannt nach einer
Äbtissin des dortigen adeligen Klosters aus dem 18. Jahrhundert).
Angeblich aus konservatorischen Gründen wurde im letzten Jahr die
"Auflösung" dieses regionalhistorisch und für die lutherische Buchkultur
Schleswig-Holsteins bedeutsamen Bestands eingeleitet.

Die Inkompetenz, mit der die Landeskirche und der Bibliotheksleiter Dr.
Stüben, pikanterweise Mitglied der Altbestandskommission des Verbands
der evangelischen wissenschaftlichen Bibliotheken, vorgegangen sind,
läßt Fachkollegen den Kopf schütteln. Hätte Stüben, versichert ein
süddeutscher Kirchenmann, sich mit dem Verband kurzgeschlossen, hätte er
die Zumutungen der vorgesetzten Behörde abwehren können. Ganz und gar
nicht glücklich ist man in der Staats- und Universitätsbibliothek
Hamburg über die Veräußerungen, da man vorab nicht informiert war und
daher auch nicht über Ankäufe verhandeln konnte. Die Herzog August
Bibliothek Wolfenbüttel, innerhalb der Arbeitsgemeinschaft "Sammlung
Deutscher Drucke" zuständig für die Barockliteratur, wurde
unverständlicherweise ebensowenig kontaktiert, hat aber vor kurzem eine
stattliche Bestellung an einen der bedachten Händler aufgegeben, um
Bücher der NEKB für die öffentliche Hand zu retten. Der Hamburger
Kirchenhistoriker Johann Anselm Steiger, Spezialist für das 17.
Jahrhundert, warnte öffentlich vor einer "Erosion historischer
Buchbestände". Er hat eine Spendenaktion für Ankäufe zugunsten der
Staatsbibliothek und der Fachbereichsbibliothek gestartet. "Hier wird
nicht nur der Hamburger Gedächtnisschatz aufs Spiel gesetzt. Es werden
vielmehr auch die Interessen von Wissenschaft und Forschung in der
Hansestadt empfindlich berührt", schreibt er in seinem im Internet
nachlesbaren Rettungs-Aufruf.

Das Hamburger Exempel ist ein fatales Signal für die Bewahrung
kirchlicher Bücherschätze in  Zeiten finanzieller Engpässe. Historische
Altbestände und in ihrer Gesamtheit denkmalwürdige Kirchenbibliotheken
dürfen nicht kurzsichtig zur Disposition gestellt werden. Kulturgut ist
immer das der Allgemeinheit gewidmete Gut, über dessen Erhaltung der
jeweilige Eigentümer keinesfalls nach Gutdünken entscheiden kann. Die
Heimlichkeit, mit der die Hamburger Veräußerungen ins Werk gesetzt
wurden, beschädigt den guten Ruf der Kirchen als verantwortungsbewußte
Treuhänder historischer Kulturgüter. Sind solche gefährdet, sollten alle
interessierten Institutionen und Initiativen sowie Vertreter der
Forschung die Möglichkeit haben, ohne Zeitdruck an einem "runden Tisch"
Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Nur ein solches "Bündnis für Kulturgut"
schützt wirksam gegen selbstherrliche Traditionsvergessenheit nach Art
des Nordelbischen Kirchenamts.

Klaus Graf
http://www.uni-koblenz.de/~graf/#kulturgut


Listeninformationen unter http://www.inetbib.de.