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Re: Anreicherung von Katalogen / dandelon.com



Die Gefahr der Überschätzung von Künstlicher Intelligenz ist ebenso gegeben, wie die der Unterschätzung.
Vor beidem müssen wir uns hüten, und darum müssen wir auch deutlicher als bisher sagen,
welche Konsequenzen die bisherigen Erfahrungen mit Ontologien haben.


Tatsache ist, dass die bisherige Erfahrung mit der Informationsverarbeitung nichts mit Begrifflichkeit zu tun hatte,
weil Information per definitionem nichts über die Bedeutung von Worten und damit nichts über ihrer Begrifflichkeit aussagt.
Das ändert sich aber jetzt durch den verstärkten Einsatz der Künstlichen Intelligenz, der Ontologien und dessen,
was wir herkömmlichen Thesauri gegenüber als semiotische Thesauri bezeichnen können.


Es ist eine Frage wie wir Intelligenz definieren.
Wenn wir eine Definition festlegen, die nur dem Menschen Intelligenz zugesteht, kann weder ein Tier noch ein Computer Intelligenz besitzen.


Wenn wir aber auf das zurückgreifen, was wir in einem Intelligenztest messen, und da haben wir zweifellos die längste einschlägige Erfahrung,
dann ist Intelligenz der Teil des Wissens, den wir ererbt haben, mit dem wir bestimmte Probleme lösen.
Dann haben Tiere und Computer durchaus, und recht erstaunliche Intelligenzleistungen.


Bei Computern liegt sie aber trotzdem auf vergleichsweise primitiverer Ebene. Sie haben ihr Wissen
(verstanden als begründete Information) über einen Programmierer ererbt. Was sie dann daraus machen,
was sie zu lernen in der Lage sind, wie Komplex die Probleme sind, die sie lösen,
welche Strategien und Taktiken jeweils wirksam werden, und wie weit sie Begrifflichkeiten, wie z.B. bei CYC erkennen,
ist eine Frage des Programms.


Das gute Buch können wir alle vom schlechten unterscheiden, aber immer nur für uns selbst und zu bestimmter Zeit.
Darum kann es der Computer auch nicht für uns tun.
Er kann aber durchaus, mit erhöhter Wahrscheinlichkeit für uns das herausfinden,
was wir gerade für gut, wichtig, hilfreich oder notwendig halten, wenn wir ihm die notwendigen Informationen zukommen lassen.
Bisher haben wir das mit brauchbarem Erfolg im Information Retrievalauf der Informationsebene getan.
Mit der KI kann ein Computer auch schrittweise über fuzzy logic oder andere Strategien lernen.


Diese Entwicklung können und dürfen wir nicht übersehen. Als Bibliothekare und Content Manager müssen wir sie
gerade auf der thesaurusebene sogar mit gestalten.


Die vollmundigen Marketingtrends können wir auch nur so von der Realität unterscheiden.
MfG



Umstätter



Bernhard Eversberg wrote:


On 19 Jun 04, at 11:48, Manfred.Hauer@xxxxxxxxxx wrote:



Es geht mir nicht darum, dass Computer wie Menschen denken, sondern die
Intelligenz von vielen Menschen über Computer an andere vermittelt werden:
die Intelligenz in den Medien der Bibliotheken (Fachinhalte) und die
Intelligenz von Information Professionals und Informatikern in Form unserer
Lösungen. Solche Ansätze finden sich immer mehr, deshalb findet man auch
immer mehr Anbieter, die ihre Systeme "intelligent" nennen, das ist ein
globaler Marketingtrend, dem wir uns hier auch gar nicht entziehen wollen.
Können Sie damit leben?



Nein. Ein Marketingtrend, der unhaltbare Illusionen nährt, der unaufhebbare Unterschiede verwischen will, der das Potential der Technik unangemessen überhöht, ist unredlich und fördert Verdummung. Umso schlimmer, wenn das ein
globaler Trend ist.


Was in den Medien der Bibliotheken steht, was sie den Lesern zugänglich machen, ist nicht Intelligenz! Es sind Aufzeichnungen, die dank Intelligenz zustandekamen, aber diese Aufzeichnungen zu nutzen, das gelingt nur mit Einsatz eigener Intelligenz des Lesers. (Lichtenberg: "Ein Buch ist ein Spiegel, aus dem kein Apostel herausgucken kann, wenn ein Affe hineinblickt.")

Zweifellos, man verstehe mich nicht falsch, sind die beschriebenen Methoden das hochinteressante Resultat sehr intelligenter Bemühungen. (Herr Hauer hat es daher gar nicht nötig, dem besagten Trend hinterherzulaufen.) Zweifellos kann die dadurch bewirkte Anreicherung der Kataloge in sehr vielen Fällen Ergebnisse bringen, wo unsere bisherigen Methoden keine bringen. Selbstverständlich sollten daher Bibliotheken ihre Kataloge mit solchen Verfahren anreichern. Kataloge könn(t)en schon jetzt und in Zukunft sehr viel mehr leisten als bisher. Intelligent sind und werden sie dadurch nicht. (Auch Schlagwortkataloge kamen durch Einsatz von Intelligenz zustande, aber es wurde nie von einem intelligenten
Katalog geredet.)
Wer erwartet, von irgendeinem System DAS gute Buch empfohlen zu bekommen, nachdem er ihm zwei drei Wörter (nicht Begriffe!) hingeworfen hat, traut dem System Dinge zu, die z.B. Lichtenberg nicht einmal dem Menschen zugetraut hat: "Unter die größten Entdeckungen, auf die der menschliche Verstand in den neuesten Zeiten gefallen ist, gehört wohl die Kunst, Bücher zu beurteilen, ohne sie gelesen zu haben."


MfG B.E.


Bernhard Eversberg
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