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Re: [InetBib] Antw: Re: Der technische Kopf der Woche: Ursula von der Leyen




Die eigentliche Frage ist im Moment weniger, ob die Ministerin oder ihre
Berater ahnungslos sind. Die Kernfrage ist, ob es Fachleute gibt, die eine Loesung des Problems haben. Denn, dass die Kinderpornographie (und da ist Frau Heinrichs voellig zuzustimmen) gestoppt werden muss, darueber sind sich
hoffentlich alle einig, und wie mangelhaft die bisherigen Versuche der
Politiker sind, ergibt sich erst aus der Aussage, welche wirkungsvolleren Moeglichkeiten es gibt. Insofern waere es erfreulich, wenn die Spezialisten in inetbib durch brauchbare Vorschlaege konstruktiv in Erscheinung traeten.

Wer den von Herrn Schaarwaechter genannten Link
http://www.heise.de/ct/Die-Argumente-fuer-Kinderporno-Sperren-laufen-ins-Leere--/artikel/135867

gelesen hat, weiss, dass die eigentliche Angst der Gegner von der
Leyenscher Politik darum geht:
"Laengst wurden sogar Forderungen laut, nach denen auf die Liste auch
gewaltverherrlichende Inhalte und Gluecksspielangebote gehoeren. Es duerfte
nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch radikale politische Aussagen
ausgeblendet werden sollen. Dann fehlt nur noch ein Gesetz, das jedes
Umgehen der technischen Sperre unter Strafe stellt, und die Machthabenden
haetten ein perfektes Zensurwerkzeug."

Es wird hier also weniger befuerchtet, dass die neue Initiative versagt, als
dass sie auf die Dauer weiter als nur auf Kinderpornographie wirkt.


MfG

W. Umstaetter


On Apr 27, 2009, at 12:12 PM, Kay Heiligenhaus wrote:

Liebe Frau Heinrichs,

es geht nicht darum, sich hier an Technischem festzubeißen. Gerade weil auch mir das Thema viel zu ernst ist, muß man verstehen, daß mit solchen Pseudomaßnahmen effektiv: nichts getan wird. Und das betrifft nicht die technisch dilettantischen Aussagen einer Ministerin, sondern das betrifft die Konzeption, die hinter diesen hilflosen Versuchen steht. Gefährlich wird es denn, wenn man Menschen, die über trivialstes Wissen bzgl. der Konfiguration des eigenen DNS-Systems verfügen (oder sich dieses über eine Google- Suche in wenigen Minuten aneignen) pauschal kriminalisiert. Damit ist niemandem geholfen.

Beste Grüße,
Kay Heiligenhaus

-----Original Message-----
From: inetbib-bounces@xxxxxxxxxxxxxxxxxx [mailto:inetbib-
bounces@xxxxxxxxxxxxxxxxxx] On Behalf Of Martina Heinrichs
Sent: Monday, April 27, 2009 11:53 AM
To: Internet in Bibliotheken
Subject: [InetBib] Antw: Re: Der technische Kopf der Woche: Ursula von
derLeyen

Liebe Liste, ich finde das Thema viel zu ernst, als dass man sich an
der wahrscheinlich technisch unkorrekten Aussage von unser Ministerin
festbeißt! Wozu hat sie (wie alle anderen Minister auch) so viele
hochbezahlte Beamten, wenn diese scheinbar eine sehr miese Zuarbeit
leisten!! Leider ist dies hier nur ein Bsp. für die sehr flache
Gesetzgebung der letzten Zeit, die selbst die Rechtsprechung nicht mehr
füllen kann! Übrigens, seit ich das Buch "Vater unser in der Hölle"
gelesen habe, lässt mich das Thema nicht mehr los und ich kann mich nur darüber erregen, wie zögerlich die Politik hier zu handeln versucht. Es
geht hier um unsere Kinder und die sind das höchste Gut was wir
besitzen!!!!
Übrigens ich kann auch nicht so richtig was mit "/etc/resolv.conf
ändern " anfangen, aber deswegen schäme ich mich nicht! Dank der Liste
wird man ja immer schlauer!!!

Mit freundlichen Grüßen
M. Heinrichs

Martina Heinrichs
Verwaltungsbibliothek
Bei der Hauptwache 4
39104 Magdeburg

Tel. 0391 540 2866
Fax 0391 540 2680
URL www.magdeburg.de/info/verwaltungsbibliothek


"Kay Heiligenhaus" <kay.heiligenhaus@xxxxxxxxxxxx> 27.04.2009 11:17

Lieber Herr Baumgartner, liebe Liste,

Ich bin ein potenzieller Pädokrimineller, weil ich meine
/etc/resolv.conf ändern kann?

Das Interview
(http://download.radioeins.de/mp3/_programm/8/20090424_zt_kopf.mp3)
ist nicht nur an dieser Stelle so wirr, daß man nur mutmaßen kann, was Frau von der Leyen hier wohl gemeint haben könnte. Es zeigt aber wohl,
wie technischer Sachverstand (bei der Konfiguration von DNS-Servern
würde ich heute bereits eher von Alltagswissen sprechen) von Politikern einfach beiseite geschoben wird, damit man irgendwie Handlungsfähigkeit
suggerieren kann.

Behörden, Universitäten und Provider mit weniger als 10.000 Kunden
sollen von der Sperrverpflichtung ausgenommen werden:
http://www.golem.de/0904/66551.html
Spätestens dadurch wird die ganze Sache endgültig zur Farce.

Das Ganze scheint also eine Art von Pseudoaktionismus zu sein. Aber
eine sehr gefährliche Art. Wenn man das konsequent durchspielt, dann
würden bald auch diese "Ausnahmen" getilgt und es gehörte die Nutzung
von Proxyservern technisch ebenso unterbunden wie die Nutzung
alternativer DNS-Server. Am Schluß hätten wir die politische
Aufforderung zur Etablierung einer "zentralistischen
Bundesnetzinfrastruktur", die man heute schon in China und einigen
arabischen Ländern bewundern kann. Der Bundestrojaner könnte gleich in
"Windows 8" integriert werden, die Nutzung von Linux wird gesetzlich
verboten, da versierte Nutzer ja ihr eigenes Betriebssystem kompilieren
können.

Hierzu paßt, was gerade über Archivalia gelaufen ist:

http://archiv.twoday.net/stories/5667711/

Der "Augsburger Appell" bringt das "Problem", mit dem wir hier
konfrontiert sind, ganz gut auf den Punkt:

"Heute ist die Lagerung oder Speicherung von geistigen Inhalten
(Bücher, Filme, Musik-Alnben etc.) durch Computertechnik innerhalb
weniger Jahrzehnte nahezu kostenlos geworden. Moderne Festplatten in
TeraBytegrösse fassen ganze Bibliotheken, Film- und Musikarchive.
Ebenso ist die Verbreitung von geistigen Inhalten via Internet und
Digitalkopie nahezu kostenlos - ein Internetanschluss zum monatlichen
Pauschalpreis ermöglicht das Abrufen von beinahe allen Büchern, Filmen,
Musikstücken.
Digitale Speichermedien schrumpfen von Jahr zu Jahr in der Grösse und
im Preis und gewinnen an Kapazität. Beides macht die Weitergabe
geistiger Inhalte so problemlos wie noch nie zuvor in der menschlichen
Geschichte.
Dass Teile dieser kostenlosen Distribution im Moment als illegal
gelten, geht am Problem vorbei: Es ist technisch nicht möglich, diese
Verbreitung zu verhindern, aber der Urheber erhält keinen Gegenwert für
seine geistige Leistung."

Man kann sich zwar trefflich streiten, ob die Distribution "ganzer
Bibliotheken" wirklich so kostenlos ist, wie hier - aus der privaten
Nutzungsperspektive - beschrieben. Dennoch würde ich dem Verfasser
recht geben, daß:

"Das Gefäss der Pandora ist geöffnet, und wird sich nie wieder
verschliessen lassen. Die Digitalisierung lässt sich genau so wenig
rückgängig machen wie einst der Buchdruck. Wir müssen uns mit der stark
veränderten Realität arrangieren, ob es uns gefällt oder nicht."

Nun möchte ich hier nicht den Eindruck erwecken, die schwerstkriminelle
"Herstellung, Distribution und Konsumtion" von Kinderpornographie sei
vergleichbar mit der illegalen "Herstellung, Distribution und
Konsumtion" von Raubkopien, die das Urheberrecht tangieren. Mir liegt
nur daran zu verdeutlichen, in welchem Ausmaß wir mit medialen
Realitäten konfrontiert sind, die man verstehen muß, wenn man über
technische und rechtliche Instrumente nachdenkt, mit ihnen "fertig" zu
werden.

Beste Grüße,
Kay Heiligenhaus



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