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Re: [InetBib] Fwd: Podcasts on Stoic philosophy (Marcus Aurelius) and Pre-Socratic philosophy (Empedocles)



Liebe Frau Kubota, 
ich habe einen (leicht gemeinen, nur rhetorisch an Sie persönlich gerichteten, 
da ich Sie persönlich gar nicht kenne) Vorschlag: bewerben -Sie  sich doch auf 
einen dieser Beauftragtenposten in Bewerbungsverfahren und 
Berufungskommissionen. Da können Sie jetzt die Anwärter für eine Professur der 
Physik genauso wie der Philosophie darauf hin unter Lumpe nehmen, ob sie die 
Kompetenzen nachweisen, die für unausweichlich gelten. Und es ist völlig 
wurscht, ob die was mit Physik oder Philosophie zu tun haben ... Und niemand 
wird je dafür  belangt, daran vorbei findet Forschung möglicherweise ja nicht 
mehr statt? 

Übrigens häufig gut bezahlt und unbefristet. In keinem Land wird dermaßen Geld 
in die Umwebung von Wissenschaft mit solchen Steuerungssystemen gepumpt wie bei 
uns. Möglicherweise um das Geld genau da zu sparen, wo es hin gehört. Man hat 
ja dann etwas getan, nicht wahr. Das funktioniert wie die Textbausteine bei 
Ebay oder Amazon oder wie bei Callcentern, die als plakative Hilfestellung 
fallbezogene Anfragen verhindern sollen.
Ich würde mir in der Tat auch eine bessere Dotierung von Wissenschaft wünschen, 
tja. Infrastruktur stellt nämlich von selber gleich, bietet wissenschaftliche 
Räume. Dazu gehört auch eine ausreichende Ausstattung der 
Informationsinfrastruktur, deren Unterhaltung der Politik immer lästiger zu 
sein scheint. Wenn Wissenschaftler/innen ins Ausland gehen, fände ich das gar 
nicht schlecht. Vielleicht erinnert sich die Politik dann an ihre eigentliche 
Aufgabe. Denn dann wird das medial offenbar. Nur dann ändert sie sich, wenn 
plötzlich ZAHLEN zu sehen sind, sollten sie denn erhoben werden. Vielleicht 
stellt man dann Wissenschaftler ordentlich bezahlt ein.
Gruß




-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: Inetbib [mailto:inetbib-bounces@xxxxxxxxxxxxxxxxxx] Im Auftrag von Naomi 
Kubota
Gesendet: Dienstag, 30. Juli 2013 09:15
An: Internet in Bibliotheken
Betreff: Re: [InetBib] Fwd: Podcasts on Stoic philosophy (Marcus Aurelius) and 
Pre-Socratic philosophy (Empedocles)

Sehr geehrter Herr Umstätter,


ich gebe zu, daß ich mich in Fragen der Kosten und ökonomischen Vertwertbarkeit 
von Teilchenbeschleunigern etwas zurückhalten sollte und will auch gar keine 
Tunnel zwischen Kreuzberg und Charlottenburg graben, die eventuell als illegale 
Schmuggelroute sowieso geschlossen werden würden. Grenzstreitigkeiten zwischen 
Kreuzberg und Charlottenburg sind zumindest hier in Berlin bereits legendär, 
ich werde bei Besuchen in Charlottenburg, das ich zugegebenermaßen manchmal 
gegen jede Loyalität betrete, manchmal gefragt, wie ich es denn geschafft habe, 
aus dem Ausland bis nach Charlottenburg zu kommen. Ich sage dann im Regelfall, 
daß das auch für uns Kreuzberger ab dem dritten universitären Diplom 
prinzipiell nicht ganz unmöglich ist.

Abgesehen von Teilchenbeschleunigern sind jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit 
die Kosten des Unterhalts und Betriebs von Laboren, die für jedes Studium der 
Physik Pflichtprogramm sind, ebenso wie die Anschaffung entsprechender Geräte, 
deutlich teurer als alles, was PhilosophInnen jemals auch nur beantragen 
würden. Auf universitärem Niveau reichen neben den Büchern ein Laptop pro 
StudentIn oder DozentIn, der auch bereits sehr betagt sein kann, da 
Textverarbeitung (und Internet) wirklich nicht viel Rechenleistung verlangt.

Allerdings wäre durchaus mein Votum, die Beamtenbesoldungsdifferenz zwischen 
Ost und West einmal neu zu überdenken, zumindest hier in Berlin ist es einfach 
absurd, daß MitarbeiterInnen der HU weniger verdienen als MitarbeiterInnen der 
FU und TU. Daß in Duisburg und Salzgitter mehr verdient wird als in Halle sehe 
ich auch nicht ein. Aber dieses Thema wird wohl frühestens nach der 
Bundestagswahl sinnvollerweise thematisch werden können, zumindest denke ich 
nicht, daß die Bundesregierung jetzt darüber debattieren geschweige denn 
rechtskräftig beschließen möchte.

Was Ost-West-Beziehungen betrifft wird hier in Berlin übrigens auch eine 
wichtige Tradition gepflegt: Die beiden zwangsvereinigten Bezirke Kreuzberg und 
Friedrichshain treffen sich einmal im Jahr an der Oberbaum-Brücke, um eine 
Schlacht zu schlagen. Erlaubt sind allerdings nur Bio-Waffen:
Bio-Eier, Bio-Mehl, Bio-Tomaten, Bio-Auberginen. Die materielle Verschwendung 
bei dieser Kriegsführung ist dabei noch nicht von VolkswirtschaftlerInnen 
berechnet worden, zumindest, soweit ich das weiß.
Die Schneeballschlachten derselben Parteien im Winter im Görlitzer Park sind im 
Vergleich dazu kostengünstig (Facebook-NutzerInnen zwischen 20 und
30 Jahren haben keine Mehrkosten dadurch), auch wenn ich nicht weiß, wer die 
Riesen-Techno-Boxen, die das Ganze bedröhnen, herbeischafft und den Strom dafür 
bezahlt. Aber nicht nur aus Kreuzberger Lokalpatriotismus heraus ist und bleibt 
klar: Kreuzberg gewinnt immer. Dies ist zumindest die Unsrige 
Geschichtsschreibung, die empirisch gut belegt werden kann.
Entscheidungen der Weltpolitik gehen schließlich immer zum eigenen Vorteil aus.

Ein Witz, den ich sehr gerne erzähle, auch wenn ich als Philosophin dann mich 
selbst kritisiere, geht wie folgt:

Was ist der Unterschied zwischen MathematikerInnen und PhilosophInnen?

Ganz einfach:
Ein Mathematiker braucht für seine Arbeit: Papier, Bleistift, Mülleimer.
Ein Philosoph braucht für seine Arbeit: Papier, Bleistift.


Insofern ist selbst die Mathematik teurer, auch wenn die Anschaffungskosten von 
Mülleimern aufgrund der langen Haltbarkeit eher gering sein dürften, auf den 
20-Jahres-Plan gerechnet. Was Archivierungskosten von Papier in der Philosophie 
betrifft, darüber schweige ich lieber.


Um noch etwas zu der Sonntagsdebatte zu sagen: Ich jedenfalls habe bisher noch 
nicht im Akademischen Senat den Antrag gestellt, daß wegen der Rücksichtnahme 
auf den Kirchgang von Theologie-ProfessorInnen grundsätzlich am Sonntagmorgen 
in meiner Universität keine Konferenzen und Vorträge stattfinden sollen. Auch 
wenn die universitätsinterne kirchenrechtliche Debatte sicherlich viel zur 
Allgemeinbildung beitragen würde, überlasse ich diese Frage kircheninternen 
Diskussionsforen, und es ist mir einfach schnurz, wenn ich bezeugen kann, daß 
an einem bestimmten Sonntagmorgen ein Theologie-Professor einen Vortrag auf 
einer öffentlich angekündigten Konferenz hielt oder gar seinen Mitarbeiter 
telefonisch malträtiert hat.


Mit freundlichen Grüßen



Naomi Anne Kubota


Am 29. Juli 2013 10:10 schrieb h0228kdm <h0228kdm@xxxxxxxxxxxxxxxx>:

Sehr geehrte Frau Kubota,

zunächst habe ich Zweifel daran, dass "PhilosophInnen" "Im 
marktwirtschaftlichen Wettbewerb" "viel, viel billiger" als  
"PhysikerInnen" sind, zumal mir nicht bekannt ist, dass beispielsweise 
bei TV-L Entgeltgruppe 13 zwischen Physik und Philosophie unterschieden wird.
Hinzu kommt, dass es in der Marktwirtschaft nicht nur wichtig ist was 
bei der Finanzierung billig ist, sondern auch darauf, was an 
(geistigem) Gewinn dabei erzielt werden kann. Ich habe Sie zwar sicher 
richtig verstanden, dass Sie durch Ihren Hinweis auf den "Bereich der 
Teilchenbeschleunigung" deutlich machen wollen, dass Sie den 
finanziellen Aufwand und insbesondere den Gewinn dort noch nicht ganz 
nachvollziehen können. Dafür habe ich auch großes Verständnis, da Sie 
damit in der Gesamtbevölkerung sicher nicht allein sind. Ich würde 
aber dringend davor warnen, etwas was man noch nicht versteht, der 
Philosophie gegenüber gleich als minerweritg anzusehen. Es kann auch 
einfach nur daran liegen, dass man sich damit erst genauer 
beschäftigen muss, auch wenn das einiges an Zeit erfordert, bis man dazu 
fundiertes zu Papier bringen kann.

Auch wenn jeder normale Mensch berechtigt glaubt zu wissen, was eine 
Masse von 5 Kg ist, wenn er einen entsprechenden Wassereimer tragen 
musste, so ist es schon eine recht fundamentale (auch philosophisch 
wichtige) Frage, wie sich Massen aus Raum und Zeit ergeben, und dass 
Masse nur eine spezielle Energieform ist. (Immerhin ging es bei CERN 
um die Higgs-Bosonen und bei den Teilchenbeschleunigern dieser Welt um 
die Atomenergie.)

Ich entsinne mich, wie mich mal Geisteswissenschaftler massiv 
angegriffen haben, weil sie einen Aufsatz von mir über die 
Halbwertzseit der Literatur gelesen hatten, und mir klar machen 
wollten, dass das nur für Naturwissenschaften gelten könne, weil in 
der Philosophie Plato beispielsweise nie veraltet. Als ich ihnen dann 
vorgerechnet habe, dass das bedeuten würde, dass Fachreferenten der 
Philosophie weniger Erwerbungsetat brauchten, wurden sie sehr viel 
Vorsichtiger in ihrer Argumentation. In Wirklichkeit wäre es natürlich 
ein "Fehlweg", wenn sich Philosophen nicht grundsätzlich auf den 
neusten Stand des heutigen Wissen, und damit der heutigen Philosophie, 
bringen könnten. Die allgemeine Interdisziplinarität der Wissenschaft, 
die man im Bradford`s Law of Scattering sehr schön beobachten kann, gebietet 
dies.

MfG
Walther Umstätter

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