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Re: [InetBib] Datenschutz in Bibliotheken



Lieber Herr Umstätter, liebe Kollegen/innen,

Es gab mal vor vielen Jahren in den Nachrichten für  Dokumentation eine
Publikation darüber, ob es unter Datenschutzgesichtspunkten überhaupt
noch Publikationen geben dürfte, da Autoren unter ihrem Namen Ansichten
äußern, die gezielt recherchierbar sind. Spätestens dann, wenn man sich
daran erinnert, wie viele Autoren heute nicht mehr wissen wollen, was
sie vor 40 oder 80 Jahren veröffentlicht haben, wird diese Betrachtung
besonders gut verständlich. In England ist es darum um so
beunruhigender,  dass der Guardian nun berichtet: “The Conservatives
have removed a decade of speeches from their website and from the main
internet library” (http://gu.com/p/3kcvk/tw)

1. Menschen entwickeln sich und dazu gehört auch, dass jemand mit zunehmendem Alter seine früheren Ansichten revidiert/revidieren darf. Wenn jemand seine älteren Publikationen daher verstösst, liegt dann vielleicht nicht eher auf ein persönliches Problem jener Person mit sich selbst vor? 2. Mangelndes Geschichtsbewusstsein (nicht ausschliesslich in Bezug auf Zeitgeschichte) ist wohl nicht nur in England ein Problem, wie die aktuelle Weltwoche schreibt (http://www.weltwoche.ch): "So viel Schweiz war lange nicht mehr. Wer sind wir? Die SRG trifft mit ihrer Serie «Die Schweizer» einen Nerv – und füllt ein Vakuum: An den Schulen wird die Entstehung der Schweiz nur am Rande behandelt. Im Lehrplan 21 ist Geschichte nicht einmal als eigenständiges Fach vorgesehen." Hier wird also schulisch kaum Geschichtsbewusstsein produziert. Und durch das Fernsehen allenfalls eines à la Gerhard Polt: "Hätte ich die ganzen Nero-Filme nicht gesehen, ich wüsste heute nicht, dass der Ustinov Rom angezündet hat."

Bibliothekarisch ist das zweifellos kontraproduktiv, da ich nur
zustimmen kann, dass es „zu unseren Kernaufgaben [gehört], die
Aufbereitung, Aufbewahrung und Vermittlung von Informationen, darunter
eben auch Personeninformationen“. Das Problem ist nur: „Diese
Zusammenführung von verschiedensten Beiträgen in der Digitalen
Bibliothek des Internets zum jeweils selben Urheber wurde darum eine
wichtige Aufgabe der letzten Jahre bei ISNI (International Standard Name
Identifier der ISO) , ORCID (Open Researcher and Contributor ID) und
anderen Projekten“ (Password 11/13 S.13). Und daran sind nicht nur die
Bibliothekare interessiert, sondern auch die Geheimdienste, so dass nun
in den Nymwars ("pseudonym" und "wars") ein Kampf um die Identitäten im
Internet tobt. Wie weit Google zu Personen, die wichtigsten
Informationen bereits zusammenträgt, kann bereits jeder sehen, wenn er
oder sie Angela Merkel eingibt. Dass unter meinem Namen „Wird auch oft
gesucht: Engelbert Plassmann, Karl Löffler, Fritz Milkau, Rainer Kuhlen,
Michael Seadle, Hubert Laitko“ erscheint, hat mich schon etwas über
Googles Eigenleben erstaunt.

Das betrifft letztendlich jeden Anbieter solcher Informationen, ob ich nun GND/LoCNA/VIAF, den klassischen Biographienzettelkasten im Luzerner Stadtarchiv oder die entsprechenden Angebote von Munzinger nehme: Diese Daten können und werden auch abgegraben. Da können wir wohl kaum etwas dagegen tun. Genausowenig können wir es beeinflussen, wie jene Daten dann interpretiert werden. Was wir tun können, ist mit korrekten Inhalten dafür Sorge zu tragen, dass nicht aufgrund von uns erfassten Fehlinformationen in jenen Daten andere Menschen zu Schaden kommen. Und was Googles Eigenleben angeht, kann man ja schon froh sein, dass andererseits bei der Eingabe von "Switzerland" nicht auftaucht "Meinten Sie Swaziland?" Schnitzer dieser Art gibt es da eben auch. Auch hier gilt eben, dass die Suchmaschine im Browser nicht das eigene Hirn ersetzt. Es kann halt mitunter schwer sein, dies manchem Benutzer in der Bibliothek klarzumachen.

Freundliche Grüsse
Bernd Martin Rohde

--
Bernd Martin Rohde
Dipl.-Bibl. (FH), UP in Rare Book Librarianship (Univ. Basel)

Obergütschstrasse 9, CH 6003 Luzern
Tel.: +41 41 240 44 68

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