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Re: [InetBib] Fwd: Onleihe nun auch krass unethisch



Und hier mit richtigem Betreff :-)

Liebe Liste,
die Position eines Kaufbuttons bei Nichtverfügbarkeit eines Werkes durch die 
Verknappung von Zugriffen auf eine (Zwangs)1-SIM-User Lizenz ist schwierig. 
Aber ich erlaube mir darauf hinzuweisen, dass Schwierigkeiten teilweise auch 
unfreiwillige Schwierigkeiten sind. 
Manchmal kommt es mir vor, einem Hängenden werden hier Reden über die 
Gemeinheit der Todesstrafe vorgetragen. 

Im Übrigen: die Nähe des Buttons bei technisch unsinniger (daher dem Nutzer 
auch unverständlicher) Verknappung (exakt!, Herr Prof. Umstätter)  macht nur 
sehr prägnant, was in anderen E-Book-Performanzen auch nicht weit weg ist: die 
wenigsten E-Book-Umgebungen von Verlagen enthalten nur das von der Bibliothek 
lizensierte, vielmehr auch das was nicht lizensiert wurde oder werden konnte, 
weil es z. B. durch Bibliotheken nicht in geeigneter Weise oder gar nicht 
lizensierbar ist. Ganz schnell gelangt man aus dem Bibliotheksdatenpool in den 
allgemeinen des Verlages.

Da hat man als WB häufig die Freude, mitzuteilen, was geht und was nicht, was 
eine Hochschullizenz und was eine Einzellizenz ist. Im Grunde fungieren 
Bibliotheken hier, wie auch in Argumentationen über digitale Angebote und Open 
Access von Bibliotheken öfter vorgekommen, als Kolporteur und erhöhen das 
Interesse an Titeln. Die Werbung, die jedes Portal darstellt landet direkt beim 
Wissenschaftler o. a. und die Bibliothek hat hier liebe Mühe, das Prinzip von 
Sammlung, Gemeinschaftsnutzung und Wirtschaftlichkeit aufzubröseln. 

Auch Pay-per-View-Buttons von Verlagen für Zeitschriftenartikel sind lange 
schon Alltag - wenn sie nicht schon in Datenbanken oder Portalen selbst 
auftauchen, dann häufig einen Schritt später auf einer Verlags-Site. 
Was machen wir nun damit:
-  abschalten.. ich fürchte das wäre angesichts der Vielfalt der Plattformen 
technisch mittlerweile undurchführbar,  liegt nicht in unserer Handlungsmacht, 
stellte auch irgendwie einen Eingriff in die Nutzerfreiheit dar und offerierte 
insbesondere kleineren Bibliotheken auch ein Verhandlungsproblem mit den 
konkreten Anbietern. 
- Aufklären: in der Tat ist auch das ein Thema für eine Schulung zur 
Informationskompetenz: Informationen finden und auch wirtschaftlich-politisch 
einordnen lernen. Werbung oder Kaufverleitung erkennen, eigenes Verhalten nicht 
auf das bloße Konsumieren ("Kauf ich") reduzieren.
-Wach bleiben, aber mit Realismus: Wir müssen in allen Sachfragen des 
Bibliothekswesens immer neu versuchen, Abhängigkeiten von Firmen und 
systemfremden Stakeholdern so stark zu reduzieren wie möglich, wir sind aber 
nicht allmächtig. Es gibt Situationen, in denen wir immer wieder Grenzen der 
Handlungsmacht ertragen müssen. Im Bibliothekswesen gehen wir ständig und 
meistens sehr unfreiwillig mit Verlusten um.

Daher fachliche Auseinandersetzung ja, aber eine Ethik ohne Solidarität in der 
Fachcommunity hilft hier nicht so recht weiter. Aus meiner Sicht sind diese 
Wutausbrüche Externalisierungen von negativen Erfahrungen, die wir alle machen.

Mit freundlichen Grüßen
A. Kustos





-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: Inetbib [mailto:inetbib-bounces@xxxxxxxxxxxxxxxxxx] Im Auftrag von h0228kdm
Gesendet: Montag, 22. September 2014 11:54
An: Internet in Bibliotheken
Betreff: [InetBib] Sind Frauen in Führungspositionen von Bibliotheken so gut 
wie nicht existent?

Obwohl ich in dieser Mail nicht angesprochen bin und mich auch nicht näher zu 
all den Punkten äußern will, die nichts mit der Onleihe zu tun haben, muss ich 
doch eines richtig stellen.
Ich halte es für diskriminierend die Frauen in bibliothekarischen 
Führungspositionen als nicht existent zu bezeichnen. Da ich selbst schon vor 
knapp vierzig Jahren unter der Leitenden Bibliotheksdirektorin der 
Universitätsbibliothek Ulm Frau Dr. Margarete Rehm gearbeitet habe, die 
immerhin die erste Onlinedokumentation in einer deutschen Bibliothek 
eingerichtet hat. Auch wenn ihr Vorgänger Dr. Richard Polacsek das schon 
initiiert hatte, sie besaß den Mut und die Ausdauer es zu realisieren. 
Die damaligen Widerstände gegen das, was wir heute die Digitale Bibliothek 
nennen, waren noch immens größer als heute, und mussten überwunden werden. Wer 
seit dem im Bibliothekswesen aktiv ist, weiß wie viele Frauen (insbesondere in 
leitenden Funktionen) sehr aktiv und entscheidend waren und sind. Das 
ignorieren zu wollen ist eher kontraproduktiv.

MfG

W. Umstätter




Am 2014-09-21 15:05, schrieb Stefanie Günther:
Sehr geehrter Herr Graf

Ihre Argumentation, warum der Verkaufsbutton der Onleihe unethisch 
ist, kann ich in ganz vielen Punkten nachvollziehen.

Eines muss ich jedoch kritisch sagen: Auch Bibliotheken und 
Informationseinrichtungen beachten den Gleichstellungsgrundsatz nicht 
immer. Einige Beispiele hierzu:

1. Zahlreiche Bibliotheken in Deutschland und der Schweiz haben noch 
immer keine Rampe für Rollstuhlfahrer, so dass diese schlicht draussen 
bleiben müssen.
2. Obwohl in den meisten Bibliotheken wesentlich mehr Frauen als 
Männer arbeiten, sind Frauen in Führungspositionen von Bibliotheken so 
gut wie nicht existent.
3. Unzählige Bibliotheken berücksichtigen in ihren Beständen die 
Literaturbedürfnisse von Homosexuellen und Transsexuellen nicht (ja 
sie kennen sie nicht einmal). Haben Sie mal ein Buch zum Thema, dann 
verschlagworten sie es unter heute völlig veralteten Begriffen wie 
Lesbierinnen oder Tribadie.
4. Zahlreiche Bibliotheken in der Schweiz vernachlässigen die 
Ausbildung des Nachwuchses, obwohl sie sich im Rahmen ihrer 
Sorgfaltspflichten als Arbeitgeber hierzu eigentlich verpflichtet 
fühlen sollten.
5. Zahlreiche Bibliotheken in Deutschland zahlen ihren Bibliothekaren 
einen Hungerlohn, so dass diese in immer grösserer Zahl ins Ausland 
abwandern (brain drain).

Es gibt ein Sprichwort das heisst: "Wer im Glashaus sitzt sollte nicht 
mit Steinen werfen". Dies würde ich auch Ihnen, Herr Graf, 
gelegentlich gerne raten: insbesondere dann, wenn Sie sich mal wieder 
einer Mitarbeiterin der HTW Chur gegenüber im Ton vergreifen. Im 
übrigen gibt es auch Menschen wie mich, die das Angebot der Onleihe 
Schweiz durchaus zu schätzen wissen. Und dies obwohl ich es ebenfalls 
für einen Fehler halte dort einen Verkaufsbutton zu installieren.

Freundliche Grüsse

Stefanie Günther
Ärztin
Studentin Informationswissenschaften
Burgfeldermattweg 36
4123 Allschwil
Tel 061/4215015
Natel 079/6402138





---- Original Message ----
From: h0228kdm <h0228kdm@xxxxxxxxxxxxxxxx>
To: inetbib@xxxxxxxxxxxxxxxxxx
Sent: Sa, Sep 20, 2014, 12:34 PM
Subject: [InetBib] Fwd: Onleihe nun auch krass unethisch

1. Kann mir irgendjemand erklären, wie man bei Onleihe über einen 
„Verkaufsbutton“ ein e-Book kaufen kann, wenn man bei e-Books 
grundsätzlich nur begrenzte Nutzungsrechte bekommt. Korrekt nennt man 
so etwas Etikettenschwindel.

2. Bibliotheken dafür zu schelten, dass man sie im digitalen Bereich 
juristisch enteignet hat, erscheint mir ungerecht und abwegig.

3. Bei genauerem Hinsehen ist Onleihe darum auch keine 
Bibliotheksausleihe, sondern eine privatwirschaftliche Ausleihe, die 
von Öffentlichen Bibliotheken bezahlt wird, weil viele  Verlage den 
Bibliotheken dieses Recht entziehen.

4. Dass Bibliotheken im Prinzip seit Jahrhunderten Leseförderung 
betreiben kann heute unmöglich zu Erstaunen führen. Ärgerlicher an 
der durchaus berechtigten Onleihe-Kritik ist die immer offener 
betriebene Verknappung von publizierter Information, um Menschen zu 
zwingen, überzogene, da durch Verwertungsrechte monopolisierte Preise 
zu zahlen.
Die Onleihe wird zum Teaser für einen Kauf, der gar keiner ist. Also 
die juristisch sanktionierte Gegenrichtung, für die einst 
Bibliotheken und Verlage eingetreten sind. Wir wissen doch alle, dass 
das Vervielfältigen von Publikationen heute vernachlässigbar 
preiswert erfolgen könnte, wenn sich das Verlagswesen nicht 
ununterbrochen Tricks einfallen ließe, wie man die 
Infomrationsverbreitung verknappen kann.

5. Es ist kein Zufall, dass Wissenschaft in ihrer Entstehung 
finanziert wird, und nicht über den Gewinn aus Publikationen.

6. Auch Autoren und Verlage sollten dafür bezahlt werden, was sie 
wirklich leisten, und nicht über irrationale und völlig veraltete 
Vorstellungen von Auflagenhöhen und Druckkosten. Solange Juristen 
nicht den Unterschied zwischen Information, Wissen und Redundanz 
begreifen, werden sie weiter in ein abwegiges juristisches Fahrwasser 
mit immer mehr Ungerechtigkeiten abgleiten. Die Folge dieser 
Entwicklung ist in erster Näherung: Je größer der Unfug, desto höher 
die Auflage und desto größer der Gewinn. Früher nannte man das die 
Verdummung der Gesellschaft, die man mit Öffentlichen Bibliotheken zu 
bekämpfen versuchte.

MfG
Walther Umstätter


-------- Originalnachricht --------
Betreff: [InetBib] Onleihe nun auch krass unethisch
Datum: 2014-09-19 18:53
Von: "Klaus Graf" <klaus.graf@xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx>
An: "Internet in Bibliotheken" <inetbib@xxxxxxxxxxxxxxxxxx> Antwort
an: Internet in Bibliotheken <inetbib@xxxxxxxxxxxxxxxxxx>

Der neue Verkaufsbutton der Onleihe empoert vermutlich nicht nur die 
Blogger, die sich kritisch geaeussert haben:

http://ultrabiblioteka.de/?p=1410 (mit Anfrage an die
dbv-Ethik-Kommission)

http://archiv.twoday.net/stories/985930617/ (Weitere Links)

Aus meiner Sicht offenbart das Phaenomen Onleihe das ganze Versagen 
der deutschsprachigen oeffentlichen Bibliotheken in Sachen digitale 
Kultur.

Gern wuerde ich auch einige Worte zur rechtlichen Lage sagen, aber 
eine der schlechtesten Nationalbibliotheken der Welt hat die auf

http://www.bibliotheksverband.de/fachgruppen/kommissionen/recht/publi
kationen/organisation.html

verlinkte Arbeit

Privatwirtschaftliche Betätigung kommunaler Bibliotheken Monika 
Rasche
In: Bibliotheksdienst 27.(1993), S. 1346

unter der bisherigen Adresse aus dem Netz genommen.

Klaus Graf

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http://www.inetbib.de

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Listeninformationen unter http://www.inetbib.de.