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Wissenschaftliche Produkion etc. (Re: OT: Wissen und Bibliothek)



Manfred Walter <M.Walter@xxxxxxxxxxxxxx>
schrieb:

> Ich möchte hier noch einmal grundsätzlich zu
> bedenken geben, dass die Funktion von Wissenschaft ist,
> neues Wissen produzieren

(Abgesehen von so schoenen und wichtigen Funktionen
von Wissenschaft wie der Schaffung und dem Erhalt
von Arbeitsplaetzen fuer Wissenschaftler:)
Zugegeben: das ist *eine* Funktion von Wissenschaft.
Wissen von der Art "Person A wird nicht nur in Text B sondern
auch in Text C erwaehnt". Aber viel mehr duerfte die
Produktion von *Vermutungen* ausmachen: "Autor A hat Text B
von Autor C gelesen." Und Produktion von *Erklaerungen*:
"Autor A beruft sich auf Text B weil er im Streit mit
Autor D liegt, der Text B fuer einen Beleg fuer seine eigne
Position hielt".  ((Dies mag so nicht fur alle Wissenschaften
zutreffen [Mathematik?], aber trifft wohl fuer die meisten zu.
Nagelprobe: Was von dem was da produziert wurde gilt nach
500 Jahren noch als richtig? Wenn's als falsch gilt waren's
wohl eher Vernmutungen und Erklaerungen, die da produziert
wurden, als Wissen ... .))

> und zwar um Anschußfähigkeit, d.h. Kommunikation,
> herzustellen.

Ich kann natuerlich nicht von allen Wissenschaften reden,
aber es scheint doch bei allen von denen ich irgend Ah-
nung habe so zu sein, dass wissenschaftliche Probleme
bearbeitet und Loesungen gefunden werden zunaechst nicht
um sie zu kommunizieren sondern um die Loesungen *zu
finden*. Das Kommunizieren ist gegenseitige Dienstleistung
der in der Wissenschaft Taetigen (und keiner kann ohne
Kommunikationen von anderen arbeiten), aber es ist sekundaer.
Und einge der wichtigsten Sachen passieren bisweilen z.B.
in Diskussionen auf Kongressen ohne irgend einen damit
dokumentiert verknuepfbaren schriftlichen Niederschlag zu
finden.


> Und diese Anschlußfähigkeit wird über Texte
> (Schrift/Buchdruck) hergestellt.

Zumindest in dem Bereich den ich hauptberuflich unter-
suche (Philosophie i.w.S. in der Renaissance) laesst sich
fuer die Zeit von ca. 1470 bis durchs 17. Jhd. sehen, dass
die Druckveroeffentlichungsneigung der Autoren jener Zeit
stark mit dem Einfluss von Druckveroeffentlichungen auf
die Karrierechancen zusammenhaengt, aber nicht wahrnehmbar
mit irgendeinem Bemuehen "Anschlussfaehigkeit" herzustellen.
(Lehrbuecher und "text books" sind eine andere Sache.)

> Denn nur was gedruckt wird, hat
> überhaupt Chancen die Entwicklung eines Faches zu
> beeinflussen.

Wenn damit wirklich *Druck* (auf Papier und so ...)
gemeint ist: das bezweifle ich: es war in der Handschriften-
zeit (die fuer einiges mindestens bis ans Ende des 18.
Jhd.s reicht!) nicht so, und es ist heute, wo Texte elektronisch
verbreitet werden koennen auch nicht so, und zu allen Zeiten
sollte m.E. die Bedeutung muendlicher Kommunikation nicht
unterschaetzt werden.
Gedruckte Texte dokumentieren, und sie sichern (manchmal) die Lang-
zeitverfuegbarkeit, etc.. Fuer die Kommunikation mit den
Zeitgenossen sind sie bisweilen nuetzlich, aber nicht uner-
setztlich.

> Gleichwohl gilt, dass die Publikation nicht sichern kann,
> dass das  Buch auch gelesen wird. Insofern wird ein
> erheblicher Teil für das Gedächtnis des Systems
> (Bibliothek !?) produziert und auf Abruf bereit
> gestellt.

Ja: Langzeitverfuegbarkeit. Aber ich bin mir nicht
sicher, wieviele der Produenten von potentiell
langzeitverfuegbarem Material dieses i.d.T.
*fuer* die Langzeitverfuegbarkeit drucken lassen.

> Wenn man so will, geht bei uns eine immense Arbeit in das
> Sichvorbereiten auf Gelegenheiten, die unter u. U. nie
> eintreten werden. Wir sind also vor allem damit beschäftigt,
> Texte so aufzubereiten, dass  sie im richtigen Moment
> gelesen  und vor allen Dingen auch gedanklich
> verarbeitet werden.

Auf wie viele von uns trifft das zu? Die Alternative waere:
Wir forschen weil wir forschen wollen. Wir kommuni-
zieren das gefundene zeitnah an diejenigen die's inter-
essiert (und die's wohl auch lesen werden). Wir lassen
drucken fuer Dokumentation (nicht primaer fuer Kommunikation).
Und wenn in 500 Jahren wer uber Wissenschaftgeschichten
des fruehen 21. Jhd.s arbeitet, so freut sich der drueber;
aber ich vermute, dass die wenigesten von uns *fuer* kuenftige
Wissenschaftshistoriker arbeiten.


> Was dann unter systemischen Gesichtspunkten unter
> dem Code wahr/nicht wahr durch Kommunikation im
> Wissenschaftssystem selgiert wird und nicht durch die
> Bibliotheken. Die Variation des Wissens muss, um sich
> dieser Selektion auszusetzen, publiziert werden
> und findet so seinen Weg in die Fußnoten.

Das habe ich nicht verstanden.

Die Funtion der Bibliotheken fuer die Wiesenschaft scheint
mir (abgesehen vom Bereitstellen von Texten aus alter
Zeit und fuer ferne Zukunft):
-   Das verfuegbar zu machen, auf das man nicht auf andrem
    Wege bequem zugreifen koennte (Texte die nicht von den
    17 Kollegen stammen, mit denen man in direktem Kontakt
    steht): also fuer fast jeden fast alles,
-   Das findbar zu machen was man sonst nicht (leicht)
    findet, weil's jenseits der engsten Grenzen des
    eignen Forschungsgebiets leigt: also fuer fast jeden
    fast alles,
-   Texte fuer diejenigen findbar und verfuegbar zu machen,
    die nicht zu den 17 Leuten gehoeren fuer die sie eigentlich
    gedacht waren: so dass auch die was davon haben (koennen)
    die nicht in direkter Kommunikation zum Autor stehen,
-   Gedaechtnis zu ermoeglichen: es gibt Texte die bleiben
    nuetzlich weit nach dem Veroeffentlichungs- und Erst-
    kommunikationsdatum ... .

   Mit freundlichen Gruessen

Heinrich C. Kuhn

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|    Dr. Heinrich C. Kuhn
|    Seminar fuer Geistesgeschichte der Renaissance
|    Ludwig-Maximilians-Universitaet Muenchen
|    D-80539 Muenchen / Ludwigstr. 31/IV
|    T.: +49-89-2180 2018, F.: +49-89-2180 2907
|    inst. URL: http://www.phil-hum-ren.uni-muenchen.de/
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