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Re: [InetBib] OT: Re: Andere Meinungen un der richtige Ton (war: Bibliothekar*tag + Gender Diskussion)



Liebe Runde,


mein großer Wunsch wäre: sich sprachlich in Bezug auf korrekte 
Geschlechterbezeichnung nicht starren Gesetzen unterwerfen zu müssen. Das 
bedeutet im Klartext:


In längeren Texten oder Reden sollte jeder Mensch weiterhin so frei sein 
dürfen, das generische Maskulinum verwenden zu dürfen, wenn keine passende 
geschlechterübergreifende Form gebildet werden kann, diese aus bestimmten 
Gründen nicht allgemein zutrifft oder sonstwie unschön daher kommt. Es geht 
hier schlicht um Übersichtlichkeit und Klarheit - ganz abgesehen davon, dass 
manche Texte an eine maximale Wort- oder Zeichenzahl gebunden sind und durch 
die konsequente Nennung von männlicher und weiblicher Form unnötig aufgebläht 
werden würden.

Es sollte sich also niemand dafür entschuldigen müssen, auch in Zukunft von 
Ärzten und Polizisten zu sprechen oder zu schreiben - ein kurzer Hinweis zu 
Beginn, dass jeweils die weibliche Form mitgemeint ist, reicht für intelligente 
Leser oder Zuhörer völlig aus. Wer einmal die Beschreibung für einen längeren 
Geschäftsgang korrekt durchgegendert hat, weiß, wie mühsam und zeitaufwendig 
das Schreiben und anschließende Lesen ist.


Natürlich gebietet es die Höflichkeit, z.B. zu Beginn einer Rede beide 
Geschlechter zu nennen, wenn diese anwesend sind. "Liebe Kolleginnen und 
Kollegen, verehrte Anwesende" - so viel Zeit sollte dann schon sein.


Dem "Bibliothekartag" eine in mehrfacher Beziehung modernere Bezeichnung zu 
verpassen, sehe ich da nicht als großes Problem an. Man kann es machen. Man 
kann es aber auch lassen. In erster Linie kommt es ja doch auf die Inhalte an 
... 😊


Viele Grüße


Angelika Krieser


  [cid:d439292e-9b05-423e-962e-954ee9e46423]

Angelika Krieser

Bibliothek für Sozialwissenschaften und Osteuropastudien

Fachreferatsassistenz

Garystaße 55

14195 Berlin

Tel.: +49-30-838-52859

E-Mail: angelika.krieser@xxxxxxxxxxxx<mailto:angelika.krieser@xxxxxxxxxxxx>

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________________________________
Von: InetBib <inetbib-bounces@xxxxxxxxxx> im Auftrag von Dr. Luise Sanders via 
InetBib <inetbib@xxxxxxxxxx>
Gesendet: Montag, 5. Juli 2021 15:21
An: inetbib@xxxxxxxxxx
Betreff: Re: [InetBib] OT: Re: Andere Meinungen un der richtige Ton (war: 
Bibliothekar*tag + Gender Diskussion)

Sehr geehrter Herr Czolkoß-Hettwer

Vielen Dank für diesen Einwand.

Versteht man Weltanschauung als eine bestimmte Art, die Welt, die Natur
und das Wesen des Menschen zu begreifen halte ich ja eher die Gegner
geschlechtergerechter Sprache für Anhänger einer Weltanschauung, dass
die Menschheit nur aus Männern bestehe. Dass das nicht der Realität
entspricht und es halt Männlein und Weiblein und andere gibt kann man ja
eigentlich mit eigenen Augen sehen – zumindest außerhalb von
Kirchenmauern.

Die Tatsache, dass sich Frauen und Menschen anderer Identitäten
jahrhundertelang verstecken mussten, um sich vor Repressalien zu
schützen halte ich eher für das Ergebnis diktatorischer Maßnahmen und
die waren oft nicht nur psychisch verletzend, sondern freiheitsberaubend
und lebensbedrohend. Im Vergleich dazu, ist die Forderung, mal etwas
offener, Sprachgewohnheiten und deren Wirkung zu reflektieren und
vielleicht auch zu ändern wohl nicht so furchtbar.

Im täglichen Gebrauch der Sprache werden bereits seit Jahrhunderten
Vorstellungen eines (vorherrschenden) Geschlechts hervorgerufen – aber
eben äußerst einseitig.  Wem es zu anstrengend ist, immer zu
reflektieren, wen man anspricht, wäre die Ansprache von allen
Geschlechtern als Regel die einfachste Lösung. Abgesehen davon, dass es
nicht schadet, darüber nachzudenken, mit wem man(n) spricht.

Dass das generische Maskulinum diese Aufgabe nicht erfüllt ist ja nun
hinreichend erforscht und nachgewiesen.
Im Übrigen hat die Einführung des generischen Feminums und die Forderung
hierbei könnten sich ja die Herren mitgemeint fühlen ebenfalls zu
Entrüstungstürmen geführt. Warum wohl?

Dass gendergerechter Sprachgebrauch möglich ist – auch ohne * _ etc.
zeigt zum Beispiel der erwähnte Text des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit
- auch geben immer mehr Universitäten Hinweise zur geschlechtergerechten
Sprachverwendung ohne Sonderzeichen zum Beispiel durch Paarbildung
(soviel Zeit müsste sein) oder auch Pluralbezeichnungen (zum Beispiel
Studierende anstelle von Studentinnen und Studenten etc.)

Viele Grüsse

Luise Sanders


Am 2021-07-05 13:32, schrieb Czolkoß-Hettwer:
Sehr geehrter Herr Herrmann,

mit der Unterstellung, die (heißt: alle?) Befürworter*innen
geschlechtergerechter Sprache seien Anhänger*innen einer Ideologie /
Weltanschauung machen Sie es sich etwas arg einfach. Diejenigen, die
die Verwendung geschlechtergerechter Sprache - aus welchen Gründen
auch immer - ablehnen, sind dann rein von der Vernunft (oder der
Wissenschaft oder was auch immer) geleitet?

Das von Ihnen genannte Netzwerk Wissenschaftsfreiheit nutzt auf der
Webseite im Übrigen nicht das generische Maskulinum. In deren Manifest
kommt unter anderem das Wort "Studierende" vor (über das sich viele
Gegner der geschlechtergerechten Sprache - warum auch immer! - je gern
besonders wutentbrannt aufregen) und das Thema "Gender" bzw.
geschlechtergerechte Sprache wird nicht einmal erwähnt
(https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/ueber-uns/manifest/).
Natürlich ist dieses Netzwerk vor dem Hintergrund der aktuell
geführten identitätspolitischen Debatten zu verstehen, von daher gibt
es natürlich auch eine Verbindungslinie zum Thema geschlechtergerechte
Sprache. Aber hier alles in einen Topf zu werfen, führt m. E. nicht
weiter.

Für die "Säuberungen" (die Begriffswahl finde ich unsäglich) in
angloamerikansichen Bibliotheken wäre ich für eine Quelle dankbar.

Beste Grüße
Michael Czolkoß-Hettwer




-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: InetBib <inetbib-bounces@xxxxxxxxxx> Im Auftrag von Dr. Christian
Herrmann via InetBib
Gesendet: Montag, 5. Juli 2021 12:00
An: inetbib@xxxxxxxxxx
Betreff: Re: [InetBib] OT: Re: Andere Meinungen un der richtige Ton
(war: Bibliothekar*tag + Gender Diskussion)

Liebe Frau Wiesenmüller (herzlichen Gruß!), lieber Herr Holzbach, sehr
geehrte Damen und Herren, der Hinweis auf die Französische Revolution
ist hilfreich. Sehr interessant ist auch ein Aufsatz von Frau Dr.
Annette Weidhas, der Leiterin der Evang. Verlagsanstalt Leipzig, in
der Zeitschrift "Zeitzeichen" (1/2021, S. 27-29). Sie fühlt sich in
vielem an die Sprachvorgaben der DDR erinnert, die sie persönlich
erlebt hat. Was ich in meiner Wortmeldung vom Freitag deutlich machen
wollte, ist, dass es sich bei dieser Frage, wie ja auch die Diskussion
zeigt, nicht um eine einfache Sprachregelung handelt, sondern um eine
weltanschauliche Auseinandersetzung. Die Analysen der Befürworter des
Genderns (wobei ja dann noch zahlreiche Varianten innerhalb des
Genderns besprochen werden müssten und auch die Frage der Konsequenz,
weil man auch Artikel und Pronomen einbeziehen müsste) sind so lange
schlüssig, als man die Prämissen der dahinterstehenden Philosophie
teilt. Das aber setzt bereits eine weltanschauliche Entscheidung
voraus. Beim generischen Maskulinum war dagegen nie an eine
weltanschauliche Festlegung gedacht, auch wenn das aus Sicht der
poststrukturalistischen Philosophie anders unterstellt wird. Indem die
Berufsverbände, die den Bibliothekartag verantworten, alle Beteiligten
auf die Gender-Sprache verpflichten würden (was bereits im Titel der
Veranstaltung artikuliert würde), würden sie keine reinen
Berufsverbände mehr sein, sondern weltanschaulich vorgeprägte
Vereinigungen. Bibliothekare würden zu Aktivisten für eine bestimmte
Weltanschauung - worin es durchaus Parallelen zu anderen Berufsgruppen
wie Journalisten und Teilen des wissenschaftlichen Personals in den
Universitäten gäbe. Das kann man so machen, aber dann darf man nicht
erwarten, dass sich noch alle, die diesen Beruf ausüben, vertreten
fühlen. Das bibliothekarische Berufsethos würde sich stark verändern,
weil nicht mehr auf Ergebnisoffenheit von Forschung und Vielfalt des
Bestandsaufbaus geachtet würde. Im angloamerikanischen Bereich werden
ja bereits Säuberungen in Bibliotheken und in klassischen Texten
vorgenommen, indem für ein bestimmtes Weltbild unliebsame Literatur
oder entsprechende Textstellen aus dem Angebot entfernt werden. Ich
möchte  nur auf solche Entwicklungen aufmerksam machen, die in
Deutschland jetzt zur Gründung des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit
geführt haben (dem übrigens sehr viele Professorinnen, hier explizit
auf die Weiblichkeit abgehoben, angehören).
Mit herzlichen Grüßen, Ihr
Christian Herrmann

Am 05.07.2021 um 11:32 schrieb Mathis Holzbach via InetBib:
Guten Tag!

Warum muss im täglichen Gebrauch der Sprache ständig das Geschlecht
evoziert werden. Daher frage ich mich, ob es wichtig ist, immer zu
reflektieren, dass mein Gesprächspartner dieses oder jenes Geschlecht
hat. Für mich ist das nichts anderes als Transparenzwahn, der jede
Distanz aufgibt. Wenn das generische Femininum sich durchgesetzt
hätte, würde ich es akzeptieren und mich nicht benachteiligt fühlen.
Schon gar nicht käme ich auf die Idee, mich nicht für eine Tätigkeit
als „Professorin“ zu interessieren. Schließlich haben sich seinerzeit
auch Frauen interessiert, den Beruf des „Kaufmanns“ zu ergreifen. Und
ich muss in diesem Punkt widersprechen, dass mit dem Gendern eine
Sprachentwicklung eingesetzt hat; denn diese Sprachänderungen werden
tatsächlich künstlich erzeugt. Wenn unterrichtet werden muss, wie
gegendert werden soll, ist dies schon sehr merkwürdig und spricht
nicht dafür, dass eine Sprachentwicklung vorliegt. Auch der empfohlene
Bloggertext (https://herzbruch.blogger.de/stories/2811061/),
<https://herzbruch.blogger.de/stories/2811061/),%22%20%5Cl%20%22-1>
wohl einzig als Handreichung gedacht, um bei Markus Lanz sich
„trittsicher“ zu präsentieren, operiert mit Gefühlsargumenten: Dass
sich etwas „nicht zeitgemäß anfühlt“ ist ja wohl sehr vage. Außerdem
wird suggeriert, dass wissenschaftlich in dieser Frage alles schon
entschieden sei und Widersprüche erfolgreich in Studien entkräftet
seien. Das nenne ich naiv! Wenn auch gewisse Untersuchungen zeigen,
dass „mit der geschlechtsübergreifenden Standardform im Deutschen, dem
generischen Maskulinum, eher Männer als Frauen assoziiert werden“,
sollte eines nicht außer Acht kommen, wie Frau Dörte Stein in einem
Essay in der taz konstatiert: die „Bedeutung entsteht im Kontext, und
zwar nicht nur im Satzzusammenhang, sondern auch im außersprachlichen
Kontext unserer Erfahrungen und Denkmuster“. Ferner greift sie ein
Argument auf, dass ich ebenso sehr interessant finde: In der
türkischen Sprache liegt der genderneutrale Idealzustand vor, dort
gibt es gar kein grammatisches Geschlecht: Sind Frauen in der Türkei
besser gestellt?
(https://taz.de/Gendern-als-Ausschlusskriterium/!5782080/)
<https://taz.de/Gendern-als-Ausschlusskriterium/!5782080/)%22%20%5Cl%20%22-1>.
Ebenfalls hebt Frau Stein hervor, dass vor allem Sehbehinderte und
Blinde benachteiligt werden, wenn mit Gendersternchen der Lesefluss
erschwert wird. Und so teile ich ihren Standpunkt, dass die angeblich
diskriminierungsfreie Sprache „nicht nur antifeministisch und
sexistisch“ ist, „sie ist auch diskriminierend. Die Sprache
absichtlich zu verkomplizieren bedeutet zwangsläufig auch, die Hürde
höher zu legen und Andere aus dem Diskurs auszuschließen.“ Auch
juristisch sehe ich wenig Spielraum. An dieser Stelle darf ich an eine
Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts erinnern. Das Bundesgericht
hatte in einem Grundsatzurteil (BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des
ersten Senats vom 26. Mai 2020 – 1 BvR 1074/18-. Rn.1-8) festgestellt,
dass allein durch das so genannte generische Maskulinum, mit Blick auf
die Gesetzestexte, jedes natürliche Geschlecht erfasst wird. Darin
kann man schon eine gewisse Richtung erkennen, dass das Gendern nicht
so leicht sich juristisch durchsetzen lässt. Aber: Wer gendern möchte,
solle es tun, wer nicht, darf und kann nicht gezwungen werden.


Bzgl. des Namens: Ich wurde ja darum gebeten, einen Namensvorschlag zu
machen. „Bibliothekswelt“, liebe Frau Wiesenmüller, hat diese Tagung
ja auch nicht geheißen, wurde aber vorgeschlagen. Wenn es aus Gründen
„Bibliothekartag“ nicht sein darf, habe ich „Bibliothekskongress“
vorgeschlagen. Das war ein Vorschlag, mehr nicht.

Mir fällt bzgl. der bemühten Schaffung einer geschlechtergerechten
Sprache hierbei etwas ein, welches man in gewisser Hinsicht als eine
historische Parallele (Parallele - kein Vergleich (!)) ansehen kann:
Infolge der Französischen Revolution war man bemüht, alles Feudale,
alles, was vermeintlich an herrschaftliche Gesinnungen, Unterdrückung
erinnert, abzutun. Man war quasi im Sinne des Prinzips der Vernunft
bemüht, aus diesen Gründen die Lebensordnung neu zu erfinden. Man
schuf neue Maßsysteme, einen neuen Kalender, eine neue Zeitrechnung,
die zu der Einführung des Dezimalsystems führten und somit zB zu einer
Zehntagewoche. Kurz, man wollte alles besser machen und gerechter. Die
jüngeren Generationen wurden darauf vorbereitet. Auch wenn Napoleon
dies alles per Dekret stoppte, dürften die Schwierigkeiten dieses
Systems schon allein im (wirtschaftlichen) internationalen Austausch
offenbar gewesen sein.


Schönen Gruß

Mathis Holzbach


———————————————————

Dr. Mathis Holzbach, M.L.I.S.
P. Prof. Dr. Heribert Niederschlag SAC Büro P. F. Reinisch
Pallottistr. 3
56179 Vallendar



Am 05.07.2021 um 08:45 schrieb Heidrun Wiesenmüller via InetBib
<inetbib@xxxxxxxxxx>:

Guten Morgen zusammen,

ich wollte ja nichts mehr zum Thema Gendering schreiben, muss aber
nun leider doch kurz auf die Mail von Herrn Nowak reagieren.

1. Natürlich spiegelt die Sprache die Gesellschaft. Ich glaube, in
der ganzen Diskussion hier hat das noch niemand bestritten. Auch
Herzbruch spricht das explizit an ("Gesellschaftliche Tradition, wir
leben nun einmal in einer Kultur, in der die Ärzte den allergrößten
Teil der Geschichte Männer waren"). Wenn die gesellschaftlichen
Rollen von Männern und Frauen vertauscht wären, dann wären jetzt
wahrscheinlich die weiblichen Formen die kürzeren und wir würden über
das generische Femininum diskutieren.

Umso mehr ist es doch wichtig, unbefriedigende gesellschaftliche
Situationen nicht auch noch sprachlich zu stützen und zu verfestigen.
Nehmen wir noch mal mein eigenes Beispiel: An der HdM beträgt der
Anteil der Professorinnen derzeit ca. 17 % (ob wir auch nicht-binäre
Kolleg:innen haben, weiß ich leider nicht - Entschuldigung an Nik
Baumann). Wenn man nun immer von "Professoren" spricht, wird dieser
ohnehin viel zu kleine Anteil weiter marginalisiert und unsichtbar
gemacht - und gewiss werden junge Wissenschaftlerinnen dadurch nicht
gerade dazu ermutigt und animiert, sich für eine Karriere als
FH-Prof. zu interessieren.

2. Zu dem Autounfall-Beispiel: Ich selbst habe zunächst eine deutsche
Fassung verwendet mit einem eindeutigen generischen Maskulin. Und bei
meinem Hinweis auf das Englische habe ich auf die angenommene
Geschlechtsneutralität der Substantive explizit hingewiesen.
Vielleicht hätten Herzbruch und/oder ich selbst noch mehr zum
Englischen schreiben sollen, aber das war ja eigentlich nicht das
Thema.

Um es aber kurz nachzuholen: Nur auf den ersten Blick betrachtet hat
das Englische kein Gender-Problem (und ich argwöhne, dass auch Sie
das eigentlich wissen). Denn zwar sind die Substantive nicht
morphologisch nach Genus markiert, aber man muss ja Pronomina
verwenden. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, werden für die generische
Bedeutung traditionell - Überraschung! - maskuline Pronomina
verwendet, z.B.: "A good teacher makes his lessons fun." Insofern
stützt auch die englische Sprache das Bild vom Mann als Normalfall.
Ich bin auch ziemlich sicher, dass Sie Formen wie "female doctor"
oder "lady doctor" in Korpora sehr viel häufiger antreffen werden als
"male doctor" (ein Pendant für "lady doctor" gibt es wohl gar nicht,
was auch schon wieder für sich spricht). Ich denke schon, dass dies
zumindest einen Anteil daran hat, welche Bilder die englische
Variante der Autounfall-Geschichte in den meisten Köpfen erzeugt.

Soweit ich mich erinnern kann, habe ich übrigens in der Schule nur
das generische "he" gelernt und erst an der Uni erfahren, dass es
z.B. auch "s/he" oder "his or her" gibt. In jüngerer Zeit wird immer
stärker "singular they" verwendet, d.h. die genderneutralen
Pluralpronomina werden auch im Singular benutzt. Das ist aus meiner
Sicht die beste Lösung, weil es auch nicht-binäre Personen mit
einschließt.

Neben den Pronomina gibt es im Englischen weitere Problembereiche wie
z.B. "chairman" und "mankind"; Wikipedia bringt eine gute Übersicht:
https://en.wikipedia.org/wiki/Gender_neutrality_in_English.

Viele Grüße
Heidrun Wiesenmüller




Am 04.07.2021 um 19:44 schrieb nwk--- via InetBib:
Hallo.

Den besten Text zum Thema Gendern, den ich in letzter Zeit gelesen
habe, möchte ich Herrn Holzbach, aber auch allen anderen hier
Mitlesenden sehr ans Herz legen, wenn noch nicht bekannt:

https://herzbruch.blogger.de/stories/2811061/
Leider: Auch Herzbruch, obwohl sie "in der Rolle der
frühemeritierten Linguistin" auftritt (und es daher besser wissen
sollte), zieht die englischsprachige Geschichte, in der von einem
als "surgeon" bezeichneten Menschen die Rede ist, als Beleg für die
Unzulänglichkeit des generischen Maskulinum heran. Ich will gar
nicht darauf eingehen, ob ich an die Möglichkeit eines generischen
Maskulinum (im modernen Stadium oder in irgendeinem früheren Stadium
des Deutschen oder in irgendeiner anderen Sprache) überhaupt glaube.
Aber die Logik gebietet: Wenn ein Ausdruck (hier: "surgeon") ein
Beispiel für generisches Maskulinum darstellen soll, dann muss es
sich bei diesem Ausdruck zunächst einmal überhaupt um ein Maskulinum
handeln. Mit anderen Worten: Nur wenn das Wort "surgeon" ein
Maskulinum wäre, könnte man behaupten, dies wäre ein Ausdruck, der
"eigentlich" Männer bezeichnet, der aber in diesem Fall Frauen
"mitmeinen" soll. Das Wort "surgeon" ist jedoch ersichtlich – im
Gegensatz zum deutschen Wort "Chirurg" – kein Maskulinum, sondern
ein Utrum. Das heißt: Wenn klargestellt werden sollte, dass ein Mann
oder eine Frau gemeint ist, müsste ausdrücklich "male surgeon" /
"man surgeon" / "female surgeon" / "woman surgeon" (oder ähnlich)
gesagt werden. Das Wort "surgeon" kann nichts dafür, dass es vielen
schwerfällt, darauf zu kommen, dass in diesem Fall eine Chirurgin
gemeint ist. Das liegt vielmehr am Vorstellungsvermögen, das
wiederum von der historischen Wirklichkeit geprägt ist. Mit anderen
Worten: Ja, man kann es durch Untersuchungen feststellen, dass auch
viele, die Englisch als Muttersprache sprechen, sich leichter Männer
operierend vorstellen können als Frauen, aber was diese
Untersuchungen zeigen, ist genau das: die Verknüpfung von
(wahrgenommenem) Geschlecht und Tätigkeit in der Vorstellung der
Versuchspersonen. Was diese Untersuchungen dagegen nicht zeigen,
ist, dass dabei das grammatische Genus des Wortes "surgeon" eine
Rolle spielt; das können diese Untersuchungen auch nicht zeigen,
weil wie gesagt "surgeon" kein Maskulinum ist. Wegen besagter
Verknüpfung kann das Wort für die Tätigkeit zugleich die Vorstellung
des Geschlechts aktivieren. Das gilt übrigens nicht nur beim nomen
agentis, sondern auch beim nomen actionis: Stellen Sie sich mal
bildlich "eine Operation" vor. Wenn Sie vor Ihrem geistigen Auge auf
Anhieb ein Team von Operateurinnen unterstützt von (männlichen)
Praxishelfern gesehen haben: Glückwunsch. Wenn Sie das können, dann
können Sie auch darauf kommen, dass mit "surgeon" eine Frau, nämlich
die Mutter, gemeint sein kann. Nichts an dem Wort "surgeon" selbst
kann Sie daran hindern; denn es hat nichts inhärent Maskulines.
(Übrigens stimme ich allen zu, die dieses "Rätsel" entsetzlich
heteronormativ finden.) Wie auch immer: Das Wort "surgeon" ist nicht
schuld; denn im Gegensatz zum deutschen Wort "Chirurg" ist es kein
Maskulinum, und da es das nicht ist, kann es auch nicht als
generisches Maskulinum gebraucht werden und kann somit auch nicht
sinnvollerweise als Beispiel für die Geeignetheit oder
Ungeeignetheit des generischen Maskulinum dienen. Die
surgeon-Geschichte beweist gerade nicht, dass an der Sprache etwas
nicht stimmt, sondern dass bestehende Verhältnisse Vorstellungen
prägen. Wenn wir weiterhin unsere Babys nach rosa und blau
sortieren, werden wir in der Hinsicht auch nicht so schnell
vorankommen, selbst wenn wir engagiert an der Sprache herumdoktern.

Schönen Abend

Sean Nowak

--
---------------------
Prof. Heidrun Wiesenmüller M.A.
Hochschule der Medien
Studiengang Informationswissenschaften Nobelstr. 10, 70569 Stuttgart
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Dr. theol. Christian Herrmann
Abteilungsleiter Sondersammlungen
Fachreferent Buchwissenschaft, Philosophie und Theologie

Württembergische Landesbibliothek
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Tel.: +49 (0)711 / 212-4456

--
mit freundlichen Grüßen,

Luise Sanders

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