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Re: [InetBib] E-Mail -> Soziale Netzwerke ?



Christian Spließ schrieb:
Ich bin etwas verwirrt, aber das macht nichts... Sie klären mich da
bestimmt gleich nochmal auf, gelle?

Sicher! Aber wollen Sie das wirklich wissen?

Ich bewege mich seit 1987 im Internet und habe dabei schon einiges
mitgemacht. Ich möchte nicht wissen, wie viele Stunden meines Lebens
ich mich in sogenannten sozialen Netzwerken bewegt habe. In den ersten
Jahren war das kaum noch vertretbar. Das fing mit Mailinglisten zu
Marketingtechniken im Internet an, als man noch der Meinung war, das
Internet sei etwas völlig Neues, für das man gar keine Aussagen
treffen könne, wo alles neu erfunden werden müsse.

Wie viele wahnsinnig interessanten Ideen und Bewegungen sind heute
völlig vergessen, WAP zum Beispiel. Als das der große Hype war und
alle ihre Energien auf diese neue Entwicklung verschwendeten, habe
ich nicht mehr mitgemacht. Wie gut! Ich habe auch nie gelernt, SMS auf
dem Handy zu schreiben; selbstverständlich könnte ich das, wenn das
Leben davon abhängen würde, aber Gott sei Dank gibt es normalerweise
andere Möglichkeiten, SMS zu verschicken, wenn es denn sein muß. Für
einen Kunden habe ich so etwas programmiert; der bekommt automatisch
eine oder mehrere SMS, wenn eine E-Mail eingeht, da er viel unterwegs
ist und eingesehen hat, daß die Leute eine sofortige Reaktion
erwarten. Das macht Spaß und funktioniert gut.

Als Newsletter erfunden wurden, war ich mit dabei und habe gleich fünf
Newsletter gegründet. Mit den Technikern der Vorläuferorganisationen
von YahooGroups habe ich ausgetüftelt, wie HTML-E-Mails mit
eingebetteten Bildern verarbeitet werden müssen - die Amerikaner
ließen die Bilder natürlich immer auf ihrem Servern, während wir
Europäer uns ja einwählen mußten und die E-Mails anschließend offline
lasen. Dafür waren die HTML-Newsletter bei den amerikanischen
Marketingkollegen sehr verhaßt, weil deren E-Mail-Programm ja erst die
Bilder holen mußte, bevor sie die E-Mail lesen konnten. Die Geduld
hatten sie natürlich nicht.

Innerhalb eines halben Jahres habe ich insgesamt 100 Ausgaben
herausgebracht; ich hatte sogar Leser aus Korea, die sich diese
Newsletter, die wegen der Bilder etwas umfangreicher waren, mühsam auf
langsamen Leitungen heruntergeladen haben. Mehr habe ich von diesen
Leuten aber nicht erfahren und schließlich die Sache mangels Resonanz
aufgegeben. Diese Newsletter stehen natürlich immer noch im Netz,
Google weiß Bescheid. Die damals geknüpften Kontakte, vornehmlich
unter Marketingleuten, sind kurze Zeit später vergessen gewesen.

Ein Name fällt mir noch ein: Nancy Roepke. Diese Dame hat das
Networking neu erfunden; es war ein System wie Rotary, man traf sich,
wenn möglich, regelmäßig, in jeder Gruppe sollten Vertreter
verschiedener Disziplinen sein, von jeder Disziplin möglichst nur
einer, also zum Beispiel nur ein Rechtsanwalt und nur ein Architekt
usw. Das Ganze mit Mitgliedsbeiträgen und Abgaben für die
Zentralorganisation (besagte Nancy). Ich weiß noch, wie ich mir die
Unterlagen ausgedruckt habe und die Idee ganz toll fand. Der einzige
Zweck dieser Versammlungen war natürlich, sich gegenseitig Aufträge
zuzuschustern. Hierzulande nennt man so etwas wohl Wirtschaftsclub.
Guerilla- und virales Marketing wurden damals auch erfunden.
Irgendjemand hatte die Idee, vollautomatische Follow-Ups zu
verschicken und machte gleich ein Geschäft daraus (hieß der nicht
AWeber? Google fragen! Genau, gibt's noch: aweber.com Opt-in email
marketing is easy with AWeber! Send email newsletters and
autoresponders. Get top-notch email deliverability and toll-free
support.) Damals gab es den Begriff Spam wohl noch gar nicht. Aber in
Wirklichkeit ist das natürlich Spam.

In einem anderen Zirkel versuchte jemand, aus seinen Diskussionslisten
Geld zu machen. Früher hatte er mit Aktien gehandelt, dann im Keller
ein Netzwerkgeschäft erfunden und ein, zwei Jahre später für ein paar
Millionen verkauft (die typische Erfolgsstory im Internet seinerzeit),
und nun suchte er verzweifelt nach Möglichkeiten, wie er diverse
Diskussionslisten, die ja auch für ihn zunächst Arbeit bedeuteten, als
Milchkuh umfunktionieren könnte. Da fragten sich die Teilnehmer schon
heimlich, was das für sie bedeutete, und ich bin endlich ausgestiegen.

Als die Bloggerei aufkam, habe ich natürlich auch meinen Blog gemacht,
gleich zweisprachig, wozu ich eine Fertigsoftware umgeschrieben habe,
aber so toll fand ich das nicht, da die Resonanz sehr zu wünschen
übrig ließ. So habe ich noch verschiedene andere Blog-Plattformen
getestet, doch das Ergebnis war überall dasselbe. Natürlich habe ich
auch in andere Blogs hineingeschaut, um mir ein Bild zu machen. Nein,
nein, das hat mich nicht überzeugt. (Ich persönlich fand meine Ergüsse
interessant genug, den Blog als Buch zu veröffentlichen. Aber auch das
will niemand lesen. Macht nichts. Brewster Kahle findet auch, es
reicht, wenn der Autor sein Zeug lesen mag.)

Selbstverständlich habe ich auch einen FC-, YouTube-, Flickr-,
MySpace-, Xing-, Twitter- und möglicherweise auch noch weitere
Accounts, die ich schon vergessen habe, aber bei StudiVZ und Facebook
wollte ich nun nicht mehr mitmachen. Foren will ich gar nicht erst
erwähnen. 

Angeregt vom Artikel, der diese Diskussion ausgelöst hat, habe ich
einen Tumbleblog angelegt - das kannte ich noch nicht - und zwei Tage
getestet. Es ist interessant: ich habe keine Statistik geführt, aber
gefühlsmäßig würde ich sagen, 90 % aller Beiträge sind Zitate, die
ihrerseits wiederum zitiert werden (reblog nennt sich das). Ansonsten
beschränkt sich die Interaktion darauf, Herzchen zu vergeben.
Natürlich nur für Sachen, die dem Mainstream entsprechen. Irgendwo
habe ich eine sehr schöne Charakterisierung dieser Kultur gefunden,
die Ihnen nicht gefallen wird. Wenn ich mich anstrenge, fällt mir
bestimmt noch ein, wo.

Natürlich habe ich mein Handwerkszeug in Mailinglisten gelernt. Die
PHP-Gemeinde war damals noch ganz klein, und irgendwann habe ich mich
auch mal mit einigen getroffen. Aber das war ähnlich wie vorher, als
es diese sozialen Netzwerke noch nicht gab, aber schon Vereine, etwa
das FoeBuD in Bielefeld. Man hatte sich eigentlich nichts zu sagen.
Später bin ich dann auch auf vielen Kongressen gewesen, beruflich,
auch als Vortragender. Klar, man kennt sich, es ist wie in der Schule.
Irgendwie ergibt sich dann doch etwas, obwohl man nicht wirklich etwas
miteinander zu tun hat. Und sobald diese winzige Gemeinsamkeit, das
gemeinsame Interesse, sich ein wenig verschiebt, verliert man sich aus
den Augen und hat nicht das Gefühl, etwas zu vermissen. Über Xing oder
sonstwelche Kanäle wirft man sich dann vielleicht mal ein
unverbindliches "Hallo" zu.

Ich hab's gefunden, weil ich es unter "interessant" abgelegt hatte;
damit die Sätze, die ich meinte, verständlich sind, muß ich den Absatz
davor ebenfalls zitieren:

   My basic aim with this site is to promote public interest in, and
   awareness of, advanced psychology and independent film making
   techniques. We all make use everyday of whatever psychological
   insights we have gained in life and so it is to everybody's benefit
   to actively progress their understanding of this amazing, but often
   tricky, subject. The articles I offer on psychology draw on a
   variety of sources (mostly sources that get little exposure) and I
   try to write them in a way that can easily be understood by the
   average Joe Bloggs.

   As for film making, I consider this a great opportunity for
   ordinary everyday people. The cost of digital film making equipment
   is now at an all-time low. It's fun, it's educational and it gives
   you a powerful new communication medium in a society that is sadly
   turning away from the world of literature in preference of
   unbelievably mind-numbing forms of quick-fix entertainment. I'm
   keen to attract a lot of people away from the brain-numbing stuff
   and toward active self-education, though this seems a monumental
   task at times.
   http://www.collativelearning.com/About%20Rob%20Ager.html

"unbelievably mind-numbing forms of quick-fix entertainment" - das fand
ich sehr gut gesagt. Dieser Mann beschäftigt sich damit, die
vielfältigen Ebenen der Filme von Stanley Kubrick zu analysieren. Ich
bin natürlich über YouTube auf ihn gestoßen.

Es dauerte nicht lange, bis ich bei meinem Tumbleblog Followers hatte.
Ich habe mir angeschaut, wer das wohl ist - nein, nein, das waren
nicht die Leute, mit denen ich etwas anfangen könnte - wie schon bei
all den anderen Netzwerken auch. Wenn man einsam genug ist, kann man
mit jedem Vertrautheit pflegen, aber sonst?

Seit Jahren schon habe ich einen Skype-Account und darüber gerade mal
drei Gespräche geführt, zwei nach Portugal und eins nach China. Beide
waren technisch eine Zumutung. Ich hatte über ein Jahr lang den
Skype-Namen in der Signatur und im Impressum. Drei oder fünf Leute
haben mich angerufen und nicht erreicht; gut so, denn es war
eigentlich Spam. Alle Welt ist von E-Mails überzeugt, aber ich habe
schon vor fünf Jahren von Leuten gehört, die über E-Mail nicht mehr zu
erreichen waren. Aus guten Gründen.

An den Twitter-Beispielen hier hat mich überzeugt, wie schnell man
sich die Bälle zuspielen kann. Jede Technik kann man sinnvoll
einsetzen, davon bin ich überzeugt. Möglicherweise entwickelt sich
über das Internet ein völlig neues Demokratiemodell, oder aber auch
ein Modell, das weder demokratisch noch autokratisch ist, wie man das
bei Open Source beobachten kann. Das hat aber mit Twitter & Co. eher
wenig zu tun.

Darum geht es hier und in dem genannten Aufsatz auch nicht; wie setzt
die Allgemeinheit dieses Werkzeug ein? Die in dem Bericht genannten
Beispiele beschränken sich doch darauf, die verschiedenen sozialen
Gruppen im Blick zu behalten: Schulfreunde, Geschäftsfreunde,
Freizeitfreunde. Blogs und RSS sollten das doch auch schon leisten,
von der großen Familie der Instant Messenger ganz zu schweigen, bei
denen ich auch nie mitgemacht habe. "Ich stehe gerade bei Aldi an der
Kasse, was machst du gerade?" Diese Art Kommunikation bekommt man ja
oft genug am Handy mit. Jetzt macht man das auch über Twitter.

Oder sehe ich das falsch? Ich lasse mich gerne belehren und lerne noch
lieber dazu. Wenn es dann auch noch um etwas geht, was ich
anschließend für unentbehrlich halte, dann umso mehr! Aber Sie merken
vermutlich, daß ich etwas verbittert bin, weil ich so viel Energie und
guten Willen in alle diese neuen Entwicklungen gesteckt habe und so
wenig dabei herausgekommen ist. Mein Engagement hier ist ja von
derselben Art. Eigentlich wollte ich mich nur ein wenig für Open
Library engagieren, und was ist dabei herausgekommen? Wie viel Zeit
und Energie habe ich nun schon in dieser Liste gelassen? Das ist
natürlich mein Problem, nicht Ihres. Selbstverständlich habe ich enorm
viel dazugelernt und möchte das auch nicht missen, aber immer wieder
muß ich mich doch fragen, ob ich das alles wirklich verantworten kann.
Ich kann mich nicht überall engagieren und nicht alles lernen wollen.
Dazu ist das Leben einfach zu kurz und man muß zu viel anderes dafür
opfern.

Das also nur als Hintergrund zu meiner Einschätzung all dieser
Techniken. Zu den anderen Einwendungen konnte ich natürlich auch etwas
sagen, aber es reicht wirklich.

PS: Die ganze Entwicklung erinnert mich irgendwie an die
Studentenrevolte und die Auswirkungen unter anderem in der
universitären Selbstverwaltung. Das ist natürlich eine gute Sache,
aber wie viel Zeit haben hochbezahlte und hochspezialisierte
Wissenschaftler in endlosen Sitzungen zugebracht? Auch damals habe ich
mich engagiert und viel Zeit in studentischen und offiziellen
Arbeitsgruppen geopfert. Das waren natürlich insgesamt
gesellschaftliche Experimente. Ohne jegliche demokratische oder
sonstwelche Legitimation fanden sich so genannte Ad-Hoc-Gruppen
zusammen, die einfach die Initiative an sich rissen. Daraus sind
vermutlich die Bürgerinitiativen entstanden, und daraus wieder die
Grünen. Oder so ähnlich. Aufregend, das.

Herzliche Grüße
Werner Popken



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